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Zum Tod von Horst Ehmke: Trauer um den „Spezialisten für alles“

Er war Staatssekretär, Minister, Kanzleramtschef und schließlich Buchautor: Horst Ehmke löste Probleme, bevor sie entstanden. Am Sonntag ist Ehmke im Alter von 90 Jahren verstorben.
von Renate Faerber-Husemann · 13. März 2017
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Einst war Horst Ehmke der „wilde junge Mann der SPD“, erstaunlicherweise hatte er diesen Ruf auch noch, als seine Haare längst ergraut waren. Der viel zu früh verstorbene SPD-Fraktionsvorsitzende Peter Struck nannte ihn in einer Rede zum 80. Geburtstag Ehmkes den „Haudegen“ aber auch den „Brückenbauer“  und – vielleicht das schönste Kompliment für den angesehenen Verfassungsrechtler – den „Gelehrten der Fraktion“.

Horst Ehmke – von Gustav Heinemann entdeckt

In die SPD ist der Bildungsbürgersohn aus Danzig schon 1947 mit 21 Jahren eingetreten: „Mir wurde damals klar, dass von allen demokratischen Kräften der Weimarer Zeit die SPD bei der Verteidigung der Republik die überzeugendste Rolle gespielt hat.“ In der aktiven Politik aber ist er indirekt erst durch die „Spiegel-Affäre“ gelandet. Der junge Juraprofessor aus Freiburg gehörte zum Verteidigerteam Rudolf Augsteins.

Damals schon muss Gustav Heinemann auf ihn aufmerksam geworden sein. Als es 1966 zur ersten großen Koalition kam, holte er ihn als Staatssekretär in sein Justizministerium. Es begann ein raketenartiger Aufstieg: Als Heinemann zum Bundespräsidenten gewählt wurde, da war Ehmke sein logischer Nachfolger als Bundesjustizminister. Als 1969 die sozialliberale Koalition stand, holte Willy Brandt den Freund als Kanzleramtsminister an seine Seite.

Reformfreudiger Feuerkopf

Damals hatte er sich einen Ruf als reformfreudiger Feuerkopf schon redlich erarbeitet: Das Justizministerium war zum Zentrum gesellschaftspolitischer Reformen geworden. Der spröde, trockene Jurist Heinemann und sein unkonventioneller Staatssekretär, der sich immer mal wieder den Mund verbrannte, waren ein rätselhaftes politisches Traumpaar, das nicht nur die Journalisten faszinierte. Aus der langen Liste der Reformen, die das Land liberaler, moderner, offener machten, seien nur einige erwähnt: Nichteheliche Kinder wurden den ehelichen (fast) gleichgestellt. Abgeschafft wurden der Kuppeleiparagraph und der Straftatbestand des Ehebruchs. Homosexuelle wurden nicht mehr als Straftäter behandelt, der Strafvollzug wurde reformiert, ebenso das ausgeuferte politische Strafrecht mit seiner Kommunistenverfolgung. Die Liberalisierung des § 218 wurde damals schon vorbereitet.

Es war ein immenses Arbeitstempo, das im Bundeskanzleramt noch größer wurde. Selbstironisch hat Ehmke selbst später über diese Zeit geschrieben: „Diese Überhäufung mit Aufgaben in Regierung und Partei war natürlich Unsinn. Mein Anteil an diesem Unsinn war beträchtlich. Ich fühlte mich geehrt und von dem großen Gefühl getragen, an der Renovierung der Welt mitzuwirken.“

Vom „Kronprinzen“ zum „Sicherheitsrisiko“

Nach dem strahlenden Wahlsieg von 1972 wurde Horst Ehmke, der vielen in der Fraktion zu mächtig geworden – von den Zeitungen zu Willy Brandts „Kronprinz“ hochgeschrieben worden war –, aus dem inneren Machtzirkel verdrängt und saß nun als Bundesforschungs- und Postminister am Kabinettstisch. Viele seiner und Willy Brandts Freunde waren stets überzeugt davon, dass das Krisenmanagement während der Spionageaffäre Guillaume mit ihm im Kanzleramt nicht so katastrophal verlaufen wäre. Als Willy Brandt zurücktrat, ging auch Horst Ehmke, aus Loyalität gegenüber Brandt, vielleicht aber auch aus einem anderen Grund. Er und seine zweite Frau Maria waren einer beispiellosen Diffamierungskampagne der rechten Kampfpresse ausgesetzt gewesen. Die junge Frau war 1968 nach dem Einmarsch der Russen aus Prag geflohen. Die beiden lernten sich kennen und lieben, heirateten – und Ehmke galt plötzlich als „Sicherheitsrisiko“.

Für Horst Ehmke begann nach dem Ausscheiden aus dem Kabinett eine neue, ruhigere Karriere mit Zeit für Bücher, Freunde, Reisen. Die Bundestagsfraktion wählte ihn zum stellvertretenden Vorsitzenden. Seine Kompetenz in außen- und sicherheitspolitischen Fragen war unumstritten, der außenpolitische Sprecher der Fraktion deshalb willkommener Gesprächspartner in Ost und West. Im Parlament wurde er nach dem Ende der sozialliberalen Koalition zu einem begnadeten Oppositionsredner.

Von der Politik zum Thriller

1994 stieg er aus der aktiven Politik aus, getreu seinem Motto: „Die Jüngeren werden nicht dadurch besser, dass die Älteren länger bleiben.“ Mit seiner Frau Maria und zwei Katzen pendelte er nun zwischen dem Häuschen tief in der Eifel und der Wohnung in Bonn. Wer erwartet hatte, der immer noch viel gefragte Staatsrechtler werde nun politische Grundsatzwerke verfassen oder Erinnerungen über politische Weggefährten, sah sich getäuscht: Horst Ehmke saß an seinem Schreibtisch und brütete über politischen Thrillern. Fünf sind es geworden. Die Themen waren Mafia und Atomschmuggel, islamistischer Terror, Frauenhandel und Flüchtlingsprobleme in Afrika, gigantische Börsenspekulationen, immer wieder nahm er in seinen Romanen die Realität vorweg. Recherchereisen führten ihn bis nach Sierra Leone.

Der Mann, dessen Lieblingsbuch „Josef und seine Brüder“ von Thomas Mann ist, hatte es wieder einmal geschafft, seine Freunde zu verblüffen. Diese Freunde wurden in seinen späten Jahren immer wichtiger für ihn. Und er für sie. Denn neben all seinen immer wieder gerühmten Fähigkeiten hatte er auch diese: Eine Begabung für Freundschaften.     

Autor*in
Renate Faerber-Husemann

(† 2023) war freie Journalistin in Bonn und Erhard-Eppler-Biografin.

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