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Martin Schulz: „Ich will, dass die SPD im Bauch fühlt, was die Menschen bewegt.“

Seit kar ist, dass Martin Schulz Kanzlerkandidat und Vorsitzender der SPD werden soll, ist die Partei im Aufwind. Wie er die Euphorie nutzen will, worauf er im Bundestagswahlkampf setzt und was ihm der SPD-Vorsitz bedeutet, sagt Martin Schulz im Interview mit vorwärts.de.
von Kai Doering · 21. February 2017
Martin Schulz: „Ich möchte, dass es gerecht zugeht in unserem Land. Das ist die Aufgabe der SPD.“
Martin Schulz: „Ich möchte, dass es gerecht zugeht in unserem Land. Das ist die Aufgabe der SPD.“

Martin Schulz, seit Ihrer Nominierung als Kanzlerkandidat ist die SPD kaum wiederzuerkennen. Wie lässt sich die derzeitige Euphorie bis zur Bundestagswahl im September halten?

Ich habe früher nicht nur Fußball gespielt, sondern war auch ein ganz passabler 10.000-Meter-Läufer. Ich weiß, dass es darauf ankommt, die Kraft einzuteilen. Wir als SPD wollen stärkste Kraft werden und ich will Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland werden. Aber das wird kein Sprint, sondern ein Marathonlauf.

Kritiker bemängeln, die SPD habe ihre Glaubwürdigkeit verloren. Wie wollen Sie die zurückgewinnen?

Ich will Kanzler werden. Dafür brauche ich einen Vertrauensvorschuss der Menschen. Die SPD hat in der Bundesregierung genau das getan, was wir versprochen hatten. Die Grundlage der Arbeit in der großen Koalition war ja der Koalitionsvertrag, dem die überwältigende Mehrheit der SPD-Mitglieder zugestimmt hat – und in diesem Vertrag haben wir sehr viel SPD-Politik durchsetzen können. Darauf können wir stolz sein. Aber wir könnten noch mehr für Gerechtigkeit tun, wenn wir die Regierung anführen. Dafür müssen wir gemeinsam kämpfen.

Bei Ihren ersten Auftritten haben Sie viel von „Respekt“ und „Gerechtigkeit“ gesprochen. Werden das die ­zentralen Begriffe des Wahlkampfes sein?

Ja, denn das sind sozialdemokratische Kernthemen. Ich will, dass die SPD im Bauch fühlt, was die Menschen bewegt. Uns treibt der Respekt an für die Menschen, die hart arbeiten, Steuern zahlen, sich um Kinder kümmern und manchmal auch noch um die eigenen Eltern. Die Menschen, die den Laden am Laufen halten. Mir ist wichtig, dass wir diese Menschen in den Mittelpunkt unserer Politik stellen.

Was bedeutet Gerechtigkeit konkret?

Ich möchte, dass es gerecht zugeht in unserem Land. Das ist die Aufgabe der SPD. Wenn eine Familie mit Kindern, in der beide Eltern arbeiten gehen, in Ballungsräumen kaum ihre Miete zahlen kann, geht es nicht gerecht zu. Und wenn der Handwerksmeister von nebenan anständig seine Steuern zahlt, aber mancher globale Konzern sich davor drückt, dann geht es nicht gerecht zu. Wenn Arbeitnehmer höhere Krankenkassenbeiträge zahlen als Arbeitgeber, ist das nicht gerecht. Und dann müssen wir das ändern.

Das Thema Gerechtigkeit hat auch im Präsidentschaftswahlkampf in den USA eine große Rolle gespielt. Wie stark wird sich die Wahl von ­Donald Trump für die SPD bei der Bundestagswahl ­auswirken?

Ich habe Respekt vor dem Amt eines gewählten US-Präsidenten – nicht aber vor der Politik, die er verkörpert. Donald Trump geht mit der Abrissbirne durch unsere Werteordnung. Gerhard Schröder hat als deutscher Bundeskanzler laut und deutlich Nein zum völkerrechtswidrigen Angriffskrieg im Irak gesagt. Ich finde, ein deutscher Bundeskanzler muss auch Nein sagen, wenn westliche Werte in Frage stehen.

Was ist für den Wahlsieg entscheidender: das Programm oder der Kandidat?

Beides natürlich und beides muss ­zueinander passen.

Wie wichtig ist es für den Erfolg des Kanzlerkandidaten, dass Sie im März auch SPD-Vorsitzender sein werden?

Für uns in der SPD-Führung war immer klar, dass der Kanzlerkandidat auch Vorsitzender sein soll. Für mich bedeutet es unglaublich viel, dass ich Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei werden soll. Es ist das Amt, das August Bebel und Friedrich Ebert innehatten, Otto Wels und Kurt Schumacher – für mich ist das auch Verpflichtung, denen den Kampf anzusagen, die die Axt an die Demokratie legen wollen. Das Bollwerk gegen die Demokratiefeinde ist seit über 150 Jahren die SPD. Ich bin sehr bewegt davon, dass der Parteivorstand auf Vorschlag von Sigmar Gabriel mich auch für dieses Amt vorgeschlagen hat.

Sie waren elf Jahre Bürgermeister, danach 23 Jahre Europaabgeordneter. Welche Erfahrungen aus dieser Zeit nutzen Ihnen als Bundeskanzler?

Mir wird ja vorgeworfen, ich hätte keine Erfahrung oder „nur“ europäische. Aber wenn man elf Jahre Bürgermeister einer Stadt mit 40.000 Einwohnern war, dann weiß man, was beim Arbeitsamt, bei der Polizei, beim Jugend- und Sozialamt, in den Schulen und Altenheimen, bei den mittelständischen Unternehmen und kleinen Ladenbesitzern, im Sportverein, der lokalen Kulturszene und bei der ­Feuerwehr los ist. Ich wohne in Würselen, ich weiß, was los ist. Und ich weiß auch, was in Europa los ist, ich kenne Europa mit seinen Stärken und Schwächen. Deshalb kann ich voller Überzeugung sagen: Ein funktionierendes Europa ist im vitalen deutschen Interesse, wie es vernünftig ausgestattete Kommunen auch sind. Ich glaube schon, dass mir diese Erfahrungen helfen werden. Ich werde ein Bundeskanzler sein, der weiß, was die Menschen bewegt.

Autor*in
Kai Doering
Kai Doering

ist stellvertretender Chefredakteur des vorwärts. Er betreut den Bereich Parteileben und twittert unter @kai_doering.

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