Walther Rauff war während der Nazidiktatur technischer Entwickler der so genannten Gaswagen und verantwortlich für etwa 97.000 Morde. Heinz Schneppen schrieb ein Buch über einen Mann, der für seine Greueltaten niemals bestraft wurde.
Mit Hilfe von Gaswagen ermordeten die Nationalsozialisten zwischen 1939 und 1945 etwa 500.000 Menschen, die meisten davon Juden. Die Opfer erstickten in den luftdichten Wagen, die mit Auspuffgasen gefüllt wurden. Walther Rauff, Jahrgang 1906, war als SS-Obersturmbannführer verantwortlich für den Bau und Einsatz dieser Gaswagen. Der Historiker Heinz Schneppen befasste sich mit dessen Biographie. Wer war Walther Rauff und wie ging er mit seiner Vergangenheit um? Diesen Fragen widmete sich der Zeitgeschichtler. Das Ergebnis ist sein Buch „Walther Rauff. Organisator der Gaswagenmorde. Eine Biographie.“, das Anfang April in der Stiftung „Topographie des Terrors“ vorgestellt wurde. „Das Buch schließt eine wichtige Lücke in der Geschichte“, sagt Wolfgang Benz, Professor an der Technischen Universität Berlin und Moderator der Buchvorstellung.
„Vom Ehebrecher zum Kriegsverbrecher“
Schneppen bezeichnet Walther Rauff als „von Versailles traumatisiert“, was nicht zuletzt durch die strikt militärische und nationalistische Erziehung seiner Eltern bedingt wurde. 1924 trat Rauff als 18-jähriger in die Reichsmarine ein, die er 1937 wegen Ehebruchs freiwillig verließ. Stattdessen wurde er Mitglied der NSDAP. Ein Jahr später trat er auch der SS bei. „Rauff hangelte sich vom Ehebrecher zum Kriegsverbrecher“, stellt Schneppen fest.
SS-Obersturmbannführer Rauff war während des zweiten Weltkriegs als Gruppenleiter Technik im Reichssicherheitshauptamt tätig. 1940 sollte Rauff Gaswagen entwickeln und die darin geplante Vergasung organisieren. Ursprünglich wurden die Gaswagen für die Ermordung von behinderten Menschen konzipiert. Deren Einsatz begründeten seine Befehlshaber mit der „zu großen psychischen Belastung der Soldaten“, die diese durch die vorher praktizierten Massenerschießungen erfuhren. Seit Dezember 1941 war Rauff für die Ermordung von etwa 97.000 Menschen verantwortlich.
Ein Leben in Wohlstand und Freiheit
Rauff geriet im April 1945 in amerikanische Kriegsgefangenschaft. „Die Amerikaner befanden ihn als extrem gefährlich und bedrohlich“, sagt Schneppen. Sie forderten lebenslange Haft für den NS-Verbrecher. Rauff konnte allerdings im Dezember 1946 fliehen. Mit Hilfe der katholischen Kirche hielt er sich in italienischen Klostern versteckt, bevor er 1949 nach Ecuador und 1958 nach Chile ausreiste. Bis 1962 war der NS-Verbrecher sogar für den Bundesnachrichtendienst (BND) tätig.
Nachdem Rauff jahrelang in Freiheit und Anonymität leben konnte, wurde die deutsche Justiz 1961 auf ihn aufmerksam. Sie erhob Anklage wegen Mordes in 97.000 Fällen. Kurz darauf wurde Rauff in Chile festgenommen und kurzzeitig inhaftiert. Trotz mehreren Auslieferungsgesuchen der deutschen Justiz konnte er nicht in die Bundesrepublik ausgeliefert werden. Die unterschiedlichen Verjährungsfristen der beiden Staaten verhinderten dies. Somit blockierten rein formale Gründe die Bestrafung eines NS-Verbrechers. Bis zu seinem Tod 1984 konnte sich Rauff als Unternehmer ein Leben in Wohlstand sichern.
Keine Einsicht
„Rauff beteuerte bis zuletzt, er habe als technischer Entwickler der Gaswagen nichts mit den Massenmorden zu tun“, sagt Schneppen. Der Historiker ist sich sicher, dass Rauff sich selbst nie als Kriegsverbrecher betrachtet habe. Rauffs Weltbild zufolge gehöre der Krieg zur menschlichen Natur. Im Krieg müsse man Befehle ausführen und dazu gehörten demzufolge auch die Judenmorde. Wolfgang Benz, der bis 2011 das Zentrum für Antisemitismusforschung leitete, kommt zu dem Schluss, dass „dieser widerliche Mann“ seine Taten bis zu seinem Lebensende nie bereut habe. Benz sei zudem entsetzt über die Tatsache, „dass sowohl der BND als auch die katholische Kirche mit solch widerwärtigen Menschen zusammengearbeitet haben.“
Heinz Schneppen: Walther Rauff. Organisator der Gaswagenmorde. Eine Biographie, Metropol Verlag, Berlin 2011, 232 Seiten, 19,00 Euro, ISBN: 978-3-86331-024-0
Romy Hoffmann ist Studentin der Politikwissenschaft und Philosophie an der Universität Regensburg. Im Frühjahr 2012 absolvierte sie ein Praktikum in der Redaktion des vorwärts.