Lobbyisten – Eckpfeiler oder Schwachstelle unserer Demokratie?
Machtgewaltig, gewieft und öffentlichkeitsscheu setzen sie skrupellos die Interessen finanzstarker Wirtschaftskonzerne zu Lasten der Bevölkerung durch: die Lobbyisten. Anhand zahlreicher
Wortmeldungen von Politikern und Lobbyvertretern verschiedenster Couleur legt König bereits in den ersten drei Kapiteln seines Werks das für ihn im Mittelpunkt der Lobbyismus-Debatte stehende
Problem offen: Weil Politiker mit der Fülle von Spezialthemen, die sie im Gesetzgebungsprozess zu behandeln haben, heillos überfordert seien, seien sie auf die professionelle Beratung durch
Fachexperten angewiesen.
Kritik berechtigt...
An dieser Stelle erkennt der Sozialpädagoge zu Recht, aber sicher nicht als erster, das Einfallstor für zahlreiche einflussreiche Partikularinteressen. Wenn Gesetze im Parlament verabschiedet
werden sollen, wirken Lobbyisten als professionelle Interessendienstleister schon weit im Vorfeld auf Abgeordnete und Ministerialbeamte ein. Und ihr Druck auf die Politiker wächst unaufhaltsam -
national wie international. Mehr als 6000 Lobbyisten agieren in Berlin, 15 000 in Brüssel, 27 000 in Washington. Das Ergebnis: Viele Gesetze sind - bis hin zum Wortlaut! - deren unmittelbares Werk.
In seinem historischem Überblick zur den Lobbyingstrukturen von den Anfängen des Parlamentarismus bis heute wird Königs politisch-ideologisches Profil, das die Grundlage seiner harschen
Auseinandersetzung mit dem Thema Lobbyismus bildet, immer deutlicher: Radikal kritisiert er das kapitalistische Wirtschaftssystem. Dieses höhle seit der Mitte der 70er Jahre den deutschen
Sozialstaat zunehmend aus. Gewinnstreben und Einzelinteressen hebelten die Bürgerrechte Freiheit, Gleichheit, Solidarität aus. Letztlich gipfele die enge Verflechtung von Wirtschaft und Politik
heute in einer sozialdarwinistischen "Technodemokratie", deren wesentliche Träger Lobbyisten seien.
... aber zu pauschal
Insgesamt erscheint Königs Frage nach der demokratischen Legitimation heutiger Politik angesichts der starken Einflussnahme der Wirtschaftslobby als absolut berechtigt! Trotzdem fällt sein
Urteil allzu pauschal aus, wenn er behauptet, dass Lobbyismus undemokratisch und zudem "die Übergänge zwischen Beratung, Lobbying und Korruption fließend" seien. So gerät dem Sozialpädagogen die
gewonnene Erkenntnis, dass professionelle Beratung von Politik notwendig ist, relativ schnell aus dem Blick. Er verfällt in eine ideologische und teilweise polemische Kapitalismuskritik. Auch wenn
Königs Analyse der Funktionsstrukturen des Lobbyismus durchaus plausibel und nachvollziehbar wirkt, enthüllen seine Recherchen kein wirklich neues Problem. Zudem gerät Königs Vorschlag einer
Stärkung zivilgesellschaftlichen Engagements durch direktdemokratische Elemente am Ende des Buches sehr kurz und äußerst skizzenhaft. Von einem konkret umsetzbaren Lösungsansatz kann hier leider
nicht die Rede sein.
Tobias Quast
Johann-Günther König: Die Lobbyisten. Wer regiert uns wirklich?; Patmos Verlag, Düsseldorf, 2007; 19,90 Euro; ISBN 978-3-491-36005-1