Meinung

Iran-Krieg: Welche Folgen das planlose Handeln der USA hat

13. März 2026 08:36:16
Seit fast zwei Wochen tobt der Krieg der USA und Israel gegen Iran. Auch wenn Donald Trump ihn bereits verkündet: Ein Ende des Kriegs ist bisher nicht abzusehen. Die Folgen dagegen sind bereits deutlich sichtbar – in der Region und weltweit.
Blick aus einem Fenster auf ein durch Bomben zerstörtes Gebäude

Zerstörtes Wohngebäude in Teheran: Der Iran-Krieg droht den Nahen Osten in einen Strudel zu reißen.

Das Editorial Board des „Wall Street Journal“ titelte dieser Tage: „Iran isn’t winning this war!“ Wenn das Zentralorgan des amerikanischen Neokonservatismus sich bemüßigt fühlt, dies derart apodiktisch zu verkünden, dann ist wahrscheinlich das Gegenteil wahr. Nach fast zwei Wochen Angriffskrieg gegen Iran stehen die USA vor einem Debakel. Fast schon ein Hauch von Panik liegt über Washington, als man realisiert: Dieser Krieg läuft, aber ganz sicher nicht nach Plan.

Die USA waren auf den Iran-Krieg schlecht vorbereitet

Nicht die militärisch unterlegenen Iraner betteln nun um einen Waffenstillstand. Sondern die Kriegsherren aus Amerika selbst, deren peinliche Inszenierungen an der Realität zerschellen. Mit nur wenigen Tagen Krieg hatte die US-Administration gerechnet. Offensichtlich in der Annahme, sie könne hier ein zweites Venezuela vollbringen. Jetzt stolpert sie völlig planlos in eine längere Auseinandersetzung mit einem überaus kapitulationsunwilligen Regime.

Die Immobilienhaie an der Spitze der Weltmacht haben das Wesen der Islamischen Republik völlig falsch eingeschätzt. Statt die Waffen zu strecken, kämpft sie um ihre Existenz, ohne Rücksicht auf eigene Verluste und bereit, notfalls die ganze Region mit in den Abgrund zu ziehen. Auf diesen Kampf war Amerika schlecht vorbereitet: Es wurde keine strategische Ölreserve angelegt, die Abfangraketen gehen zur Neige, kostbare Radarstationen wurden vom Feind zerstört. Vom ersehnten Aufstand der iranischen Bevölkerung gegen die weithin ungeliebten Islamisten ist derweil nichts zu sehen. Die US-Geheimdienste hatten die Resilienz des Regimes vorhergesagt.

Die ganze Welt zahlt für den Iran-Krieg

Die Iraner kämpfen einen asymmetrischen Krieg – erstaunlich agil. Dank russischer Unterstützung zielen sie weitaus besser als angenommen. Das strategische Meisterstück ist aber die faktische Schließung der Straße von Hormus, jener Meerenge, durch die im vergangenen Jahr 31 Prozent Öls floss, das weltweit über die Meere transportiert wurde. In Volumen gemessen treibt Iran die Globalwirtschaft damit in den größten jemals dagewesenen Ölschock. Die ganze Welt zahlt nun einen Preis für den von Amerika und Israel provozierten Krieg. Auch an deutschen Zapfsäulen explodieren die Preise. Gegenmaßnahmen wie die Freisetzung strategischer Reserven können allenfalls temporär Linderung verschaffen.

Sollte sich die Blockade über mehrere Wochen aufrechterhalten lassen, droht nicht weniger als eine globale Rezession. Für Iran ist diese Geiselnahme der Weltwirtschaft fast schon kriminell billig. Schon die Ankündigung von Attacken reicht, um die Versicherungsprämien für beladene Großtanker prohibitiv in die Höhe zu treiben. Der von der US-Administration über den Krieg informierte demokratische Senator Chris Murphy bestätigt derweil, dass die US-Truppen „keinerlei Plan“ hätten, hier Abhilfe zu schaffen. Und das, obwohl genau dieses Szenario von fast jedem durchschnittlich begabten Analysten vorhergesagt wurde.

Die einzige realistische Linderung bestünde im Einsatz von Bodentruppen, die das Nadelöhr und das südiranische Hinterland absicherten – eine beispiellose Eskalation freilich gegenüber den ursprünglichen Kriegsplänen und eigentlich ein No-Go für einen Präsidenten, der ursprünglich mit der Ankündigung ins Amt gelangte, die „Forever Wars“ im Nahen Osten hinter sich zu lassen.

Das Kalkül der Iraner geht bisher auf

Was hier aufgeht, derzeit zumindest, ist das Kalkül der Iraner. Die haben die eigene Leidensfähigkeit höher taxiert als das Durchhaltevermögen der Weltmacht. Kriege werden nicht nur militärisch, sondern auch politisch entschieden. Die Islamisten kämpfen um ihr nacktes Überleben, während Amerika, dessen Führung intellektuell schon daran scheitert, überhaupt nur klare Kriegsziele zu formulieren, in einem Krieg steht, den zu Hause niemand versteht und noch viel weniger wollen.

Aus Sicht der Islamischen Republik ergibt es keinen Sinn, dem angeschlagenen Trump nun einen gesichtswahrenden Ausgang freizuräumen. Will man die eigene Abschreckung wiederherstellen, muss sich die Weltmacht eine blutige Nase holen, um von derlei Abenteuern künftig Abstand zu nehmen. Das freilich ist eine Hochrisikostrategie, die für das Regime auch nach hinten losgehen kann. Sich vor den Augen der Welt demütigen zu lassen, würde ein enthemmter Narziss wie Trump wohl kaum ertragen.

Es könnte ihn erst recht zu einem All In motivieren. Auf Regimeseite sind es jedoch auch nicht mehr die Risiko-Aversen, die den Ton angeben, sondern die auch durch den neuen Obersten Führer Mojtaba Khamenei repräsentierten ganz Radikalen, die in der früheren Strategie der „strategischen Geduld“ die Hauptursache für die Schwäche des Landes sehen.

Die Eskalation könnte noch deutlich weitergehen

Die Eskalationsspirale dreht sich somit munter weiter. Die Verminung der Straße von Hormus ist bereits im Gange. Die Attacken auf die Ölinfrastruktur der Golfstaaten nehmen zu, während die dortige Luftabwehr gegen die iranischen Billigdrohnen in immer größere Turbulenzen gerät. Durch den von vielen Expert*innen erwarteten Kriegseintritt der Huthis könnte auch die zweite für die Globalökonomie so entscheidende Meerenge, das Bab El-Mandab, geschlossen werden. Es wäre der Exitus für die saudische Umgehungsstrategie, das eigene Öl über die East-West-Pipeline ans Rote Meer abzutransportieren.

Als letzte, an Perfidität dann kaum noch zu überbietende Maßnahme, bleibt die Bombardierung der Entsalzungsanlagen, an deren Tropf buchstäblich fast 60 Millionen Menschen in den Wüstenmonarchien hängen. Es waren die Amerikaner selbst, die mit ihrem Angriff auf eine iranische Entsalzungsanlage die Büchse der Pandora in diese todbringende Richtung geöffnet haben.

Das iranische Regime könnte von dem Krieg sogar profitieren

Schwach wie noch nie war die Islamische Republik nach einer beispiellosen Niederlagenserie infolge des Hamas-Massakers am 7. Oktobers 2023. Sicherheitspolitisch stellte sie keinerlei Gefahr mehr dar, ihren eigenen Eliten war bewusst, dass Wandel unausweichlich war. Statt sie ihren inneren Qualen, dem auf Dauer aussichtslosen Kampf mit ihrer eigenen Bevölkerung, zu überlassen, sollte das weidwunde Raubtier zur Strecke gebracht werden. Das ist die tiefere Logik hinter diesem war of choice, den Israel aus strategischer Überzeugung, die USA jedoch ohne Hirn und Verstand führen.

Diesem bis heute hochideologischen Regime wurde nun der Endkampf geschenkt, an dem es sich gesundzustoßen droht – oder der zumindest das ganze Land und die Region mit sich in den Abgrund zieht. Operativ mag die Ermordung des greisen Ayatollahs in der ersten Stunde des Krieges beeindruckend gewesen sein. Strategisch ist sie ein Fehlkalkül. Den schiitischen Imamen gleich ist Ali Khamenei nun den Märtyrertod gestorben. Er hat damit nicht nur das ultimative Opfer gebracht, sondern die schwindende politisch-religiöse Basis des Regimes maximal mobilisiert.

Nach zwei Wochen Krieg ist das ernüchternde Fazit: Khamenei wurde durch Khamenei ersetzt. Der jüngere, der als Statthalter der Revolutionsgarden gilt, kommt mit dem Vermächtnis ins Amt, dass Israel ihm den Vater, die Mutter, die Gattin und die Tochter genommen hat. Ob er sich als Friedens- oder Racheengel begreift, darüber darf sich jeder selbst seinen Reim machen.

Der befürchtete Flächenbrand breitet sich gerade aus

Gleichsam ist es dem Regime gelungen, über die eigenen Grenzen hinaus zu mobilisieren. Überall fängt es an zu brennen. Die Hisbollah stürzt sich in einen womöglich letzten Krieg mit Israel, der den kleinen Libanon zu zerreißen droht. Im Irak stehen die Milizen auf. In Bahrain revoltiert das Volk gegen das pro-westliche Regime. Die Huthis warten noch auf ihr Signal. „Wir haben es euch doch gesagt“, heulen die Golfstaaten auf, die sich nun als Hauptleidtragende dieser sinnlosen Konfrontation wiederfinden.

Es ist ihr Businessmodell, das nun vor dem Ende steht. Stabilität und Konnektivität, das war der schöne Traum von Dubai, wo jetzt die Billigdrohen in die Glitzerfassaden knallen. Wo die Ölanlagen in Flammen aufgehen, mit womöglich dauerhaften Folgen. Während die verängstigte Expat-Bevölkerung die geschlossenen Flughäfen belagert, viele davon ohne Rückflugticket. Milliarden hat man den Amerikanern ums Maul geschmiert, nur um zu erleben, dass die eigenen Sicherheitsinteressen in Washington nichts zählen.

Ein Zerfall des Iran hätte weitreichende Folgen

Nach noch nicht einmal zwei Wochen Krieg brennt die ganze Region bereits lichterloh. Die Amerikaner stehen vor einem fast unmöglichen Dilemma. Wollten sie ihr Ziel eines Regimewechsels noch erreichen, müssten sie wesentlich mehr investieren. Womöglich bis hin zu Bodentruppen. Denn für sie wird, wie die kurze Kurdenepisode zeigte, niemand die „Drecksarbeit“ machen. Die ganze Idee des Regime Change aus der Luft war so tollkühn wie schwachsinnig. Kein Wunder, dass Trump nach einer Off-Ramp lechzt, spürt er doch, dass sein Krieg nicht nur die Region, sondern auch ihn selbst politisch in den Abgrund zieht.

Eine Ausweitung der Kampfhandlungen durch die Amerikaner wird allerdings die Eskalationsspirale weitertreiben. Wer das Regime in den Abgrund stößt, riskiert, dass es das Land mit sich zieht. Staatszerfall und Bürgerkrieg wären dann die wahrscheinlichen Szenarien. Die Reste des brutalen Repressionsapparats werden eine geordnete Transition wohl kaum zulassen. Auf den Kadaver der Islamischen Republik würden sich mit schlafwandlerischer Sicherheit alle Regionalstaaten stürzen, die jetzt schon den Krieg mit Argusaugen beobachten.

Sollte das Regime überleben, droht ein ideologisch maximal radikalisierter Pariastaat, besessen davon, sich die Atombombe zu verschaffen. Es wäre ein kontinuierlicher Sicherheits-Super-GAU, an Stabilität in der Region wäre kaum noch zu denken. An der Auflösung einer solchen Gemengelage wären auch fähige US-Präsidenten gescheitert. Ob dem derzeitigen Bewohner des Weißen Hauses ein solches Kunststück gelingt? Zu wünschen wäre es. Thoughts and Prayers jedenfalls sollte jeder entbehren, dem die Menschheit am Herzen liegt.

Der Text erschien zuerst im IPG-Journal.

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