Kultur

Wiedervereinigung: Wie zwei Bücher über Ostdeutschland polarisieren

Zwei Bücher haben eine neue Ost-West-Debatte entfacht. Darin wird der westdeutsche Blick auf die DDR hinterfragt, aber auch auf Vereinfachung gesetzt. Das birgt Gefahren.
von Kai Doering · 18. Juli 2023
Ist der Osten nur eine westdeutsche Erfindung? Der Leipziger Literaturwissenschaftler Dirk Oschmann sieht es so.
Ist der Osten nur eine westdeutsche Erfindung? Der Leipziger Literaturwissenschaftler Dirk Oschmann sieht es so.

Dass er ein „Wutbuch“ geschrieben habe, weist Dirk Oschmann weit von sich. „Es ist ein zorniges Buch“, das gibt der 1967 im thüringischen Gotha geborene Literaturwissenschaftler aber zu. Als „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“ Ende Februar erschien, war eigentlich schon klar, um was es auf den rund 220 Seiten geht. In einem Gastbeitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hatte Oschmann bereits ein Jahr zuvor geschrieben: „Wie sich der Westen den Osten erfindet“.

Trotzdem landete das Buch schnell auf Platz eins der Bestsellerliste und blieb dort viele Wochen. Aktuell steht es auf dem zweiten Platz. Als „Buch darüber, wie der Westen sich den Osten denkt“, beschreibt Oschmann sein Werk selbst und fordert: „Der Westen muss begreifen, dass er nicht die ‚Norm‘ ist.“ Denn das führe zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft und zu einer Herabsetzung Ostdeutschlands. „Der Osten hat keine Zukunft, solange er nur als Herkunft begriffen wird“, schreibt Dirk Oschmann.

Während der Leipziger Professor für Literaturwissenschaft vor allem aus dem Hier und Jetzt und aus persönlichen Erfahrungen heraus argumentiert, verspricht die Historikerin Katja Hoyer mit ihrem Buch „Diesseits der Mauer“, „eine neue Geschichte der DDR“ zu erzählen. Es erschien zunächst auf Englisch und im Mai in deutscher Übersetzung. Auch Hoyers Buch schoss schnell auf der Bestsellerliste nach oben. Zurzeit steht es auf Platz drei.

Der Blick auf die DDR ist bunt

„Ich versuche, die DDR-Geschichte als Ganzes darzustellen und in die deutsche Geschichte einzuordnen“, sagt Katja Hoyer, die 1985 im brandenburgischen Guben geboren wurde und seit einigen Jahren am King‘s College in London forscht. In ihrem Buch erzählt Hoyer episodenhaft das Leben in der DDR und schlägt von dort den Bogen ins Allgemeine. Es gehe ihr darum, „auch die Geschichte von Menschen, die in der DDR lebten“ zu erzählen. So versuche sie, die Geschichte der DDR neutral darzustellen. Besonders aus Ostdeutschland hat die Historikerin dafür viel Zuspruch erhalten. Vor allem aus dem Westen kam dagegen der Vorwurf, Katja Hoyer zeichne die Geschichte der DDR weich.

„Das Buch klammert vieles aus, was nicht in die Erzählung passt“, sagt auch Franziska Kuschel, Leiterin des Arbeitsbereichs Wissenschaft in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Als Beispiele nennt sie Ungleichheit und Gewährung von Privilegien in der DDR oder die Überwachung im Alltag. „Die Diktatur- lässt sich aber nicht von der Alltagsgeschichte trennen.“

Die Kritik, die Geschichte der DDR sei bisher nur aus einer westdeutschen Perspektive erzählt worden, kann Franziska Kuschel angesichts vorliegender Studien nicht nachvollziehen. „Der Blick der Geschichtswissenschaft ist schon seit Jahren bunt und differenziert.“ Wie bunt, zeigt etwa der Sammelband „DDR im Plural“, den die Stiftung Aufarbeitung herausgibt und der im Mai erschienen ist: 25 Wissenschaftler*innen beleuchten darin in kurzen Texten unterschiedliche Alltagsaspekte in der DDR und ihre Auswirkungen bis in die Gegenwart.

Einen Nerv getroffen

Ein neues Interesse an der Gesellschaft in Ostdeutschland und der DDR kann Franziska Kuschel nicht erkennen. „In diesem Jahr gab es bereits weit mehr als 50 Publikationen mit DDR-Bezug“, hat sie nachgezählt. Seit der Wiedervereinigung seien es jedoch bereits Tausende gewesen. „Sie werden nur oft in der breiten Öffentlichkeit nicht wahrgenommen.“ Dass sowohl das Buch von Dirk Oschmann als auch das von Katja Hoyer derart für Furore sorgen, führt Kuschel vor allem auf einen Umstand zurück: „Es gibt gerade so viele Unsicherheiten und dann kommen zwei Bücher, die vereinfachen. Das trifft einen Nerv“, sagt die Historikerin, die 1980 in der DDR geboren wurde.

Allerdings sieht Franziska Kuschel den Erfolg der beiden Bücher auch mit Sorge. Die vereinfachende Sichtweise führe zu Schwarz-Weiß-Erzählungen. Dirk Oschmann und Katja Hoyer bedienten mit ihren Büchern „ein Narrativ, bei dem sich viele vorschnell in einer Opferrolle bestätigt fühlen können. Das kann am Ende das Gegenteil von dem bewirken, was wir eigentlich brauchen: mehr Miteinander“. Kuschels Appell ist daher klar: „Differenzierung ist wichtig.“ Zudem sollte mit der Analyse aktueller Probleme nicht erst ab 1990 begonnen werden. Dass zur DDR-Geschichte bereits alles gesagt ist, glaubt Kuschel nicht. „Neue Generationen stellen neue Fragen. Und das ist auch gut so.“

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Autor*in
Kai Doering
Kai Doering

ist stellvertretender Chefredakteur des vorwärts. Er betreut den Bereich Parteileben und twittert unter @kai_doering.

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