Bei der Autorin, Tochter der RAF-Angehörigen Ulrike Meinhof und des Hamburger Verlegers Klaus Rainer Röhl, rennt Rühmkorf damit offene Türen ein. 2001 löste Bettina Röhl mit ihren
Veröffentlichungen, darunter die so genannte "Prügelfotos" aus dem Jahr 1973, eine öffentliche Diskussion über die militante Vergangenheit des damaligen Außenministers Joschka Fischer aus, und aus
ihrer Ablehnung jeglicher Mystifizierung der 68er hat die wertkonservativ orientierte Politikjournalistin (Spiegel TV, Cicero) nie einen großen Hehl gemacht.
Die wohl schon deshalb hier und da erwartete Generalabrechnung ist es dennoch nicht geworden. Um genau zu sein, verwebt das knapp 700 Seiten starke Werk mit dem Untertitel "Ulrike Meinhof,
Klaus Rainer Röhl und die Akte Konkret" drei verschiedene Bücher: ein Gesellschaftsporträt der jungen Bundesrepublik der 50er und 60er Jahre, eine Biografie von Ulrike Marie Meinhof, sowie eine
Dokumentation der Geschichte der linksliberalen Zeitschrift Konkret, für die Röhls Mutter als Kolumnistin bzw. Chefredakteurin, ihr Vater als Herausgeber tätig war.
Einen kindlichen Blick sucht der Leser dabei vergebens. Die 1962 geborene Autorin bewahrt kühle Distanz. Lange verläuft der Erzählfluss entlang der Aufzeichnungen aus den unter dem Titel
"Akte Konkret" gesammelten DDR-Gesprächsprotokollen. Dieser "rote" Faden wird aber immer wieder unterbrochen von bislang unveröffentlichten Dokumenten, Briefen oder Interviews, die Bettina Röhl mit
Zeitzeugen geführt hat. Ihr eigener Vater berichtet z.B., wie die ursprüngliche Studentenzeitschrift Konkret mit Finanzhilfen aus Ost-Berlin bis Mitte der 60er zum wichtigsten Meinungsorgan der
linken BRD-Intelligenz avancierte. Für die Tochter ein Beleg für die kommunistische Unterwanderung des Westens, schließlich waren beide Elternteile zu diesem Zeitpunkt Mitglieder der verbotenen
KPD.
"So macht Kommunismus Spaß!" ist kein Buch über die RAF oder die Radikalisierung der 68er. Die detaillierte Beschreibung des Lebens von Ulrike Meinhof, die lange mit den Widersprüchen
zwischen ihrer eigenen radikalen Systemkritik und dem bürgerlichen Establishment rang, in dessen Kreisen sich die Starjournalistin in Hamburg bewegte, endet Anfang 1968 mit der Trennung von Klaus
Rainer Röhl. Der anschließende Umzug nach Berlin, wo Rudi Dutschke sie in die Welt der rebellierenden Studenten einführte und der Wandel zur Untergrundkämpferin werden in einem kurzen Epilog ohne
größeren Kommentar abgehandelt. Es finden sich lediglich Hinweise auf den Einfluss privater Enttäuschung für Meinhofs späteren Weg, wie eingangs bereits bei Peter Rühmkorf zu lesen ist: "(…)
verschmähte Liebe ist zu allem fähig, zu Mord, Selbstmord, Totschlag und Weltbrandstiftung".
Bettina Röhls Buch ist eine deutsche Polit-Familienchronik, dicht und verschachtelt und dabei dennoch überaus spannend. Der Weg der Protagonisten wird während der Ausführungen von vielen
bekannte Namen gekreuzt, wie etwa vom späteren Bundesinnenminister Otto Schily, dem von der Autorin und ihrer Zwillingsschwester liebevoll Onkel genannten Spiegel-Redakteur Stefan Aust oder dem
RAF-Mitbegründer Horst Mahler, der seit Anfang der 80er sein Unwesen im rechtsextremen Lager treibt.
Vor allem die Darstellung von Vater und Mutter hat wenig Revanchistisches an sich. Ideologische Konspiration, wie etwa deren Parteinahme für den kommunistischen Diktator Mao, verurteilt Röhl
zwar gnadenlos und auch eine letzte Spitze in Richtung von "Straßenguerillero" Fischer kann sie sich nicht verkneifen. Röhls innerliche Abneigung gegen das Treiben der 68er ist allerdings auch kaum
verwunderlich, bedenkt man, wie nachhaltig die allgegenwärtige Geschichte der Mutter die Welt der Tochter erschüttert haben muss.
Michael Funk
Bettina Röhl: So macht Kommunismus Spaß! Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte Konkret, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2006, 677 Seiten, 29,80 Euro, ISBN 3-434-50600-4
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