"Entfremdung" dominiere unsere arbeitsteilig zerspaltene Gesellschaft. Herstellung und Konsum seien getrennt. Ruinöser Wettbewerb verschütte jegliche Kreativität. Die meisten Menschen, deren
Schöpferkraft Rushkoff freisetzen will, lebten wie Fronsklaven.
"Originalität, Wertorientierung, Zusammenarbeit" sollen die fremdbestimmte Konkurrenz beiseite drängen. Hatte man im 16. Jahrhundert individuelle Selbstbestimmung proklamiert, entdecke die
"neue Renaissance" das "Kollektiv". Die "virtuelle Realität" setze, vergleichbar der Erfindung des Buchdrucks, neue Maßstäbe. Unser harmloser Schreibtisch-Computer generiert paradiesische Zustände!
Rushkoff trommelt und agitiert wie ein Kreuzzugsprediger. Alles Gute und Schöne entspringe dem Cyberspace; prompt erfüllt das weltweite Netz jeden Wunsch, inklusive der Sehnsucht nach
"Gemeinschaft und Verbundenheit". Der neue Mensch sei "Spezialist in dem, was ihm am meisten Spaß macht". Hüpfe von Link zu Link und realisiere deine Phantasie! Weil der neue Renaissancemensch "um
der Sache selbst willen" tätig sei, erhalte er unverzüglich die "Karotte der Entlohnung". Spaß ist Arbeit und Arbeit macht Spaß. Herrlich, herrlich!
Das Euphorie-Stakkato will nicht enden. Heute kritisieren und kaufen Millionen eine Ware per E-Mail. An die Stelle des passiven Zuschauers trete der "Do-it-yourself-Revolutionär". Dieses
"Engagement auf freiwilliger Basis" verwandle Arbeit in puren Frohsinn und befreie die Kreativität. Bisher habe der Fetisch namens Geld die "Entwicklung der Spielgesellschaft" behindert. Nun
schaffe das Web die "Rahmenbedingungen einer neuen Renaissance"!
Der "Professor" für "virtuelle Realität" kennt die Marketingbranche und glaubt, was er sagt. Oder existiert Rushkoff nur virtuell? Nicht der geringste Zweifel trübt die ausposaunte Reklame.
Penetrant zersägt Rushkoff auch den stärksten Nerv. Letztlich erneuert er die Pseudoreligion der "unsichtbaren Hand" des Marktes.
Bisher konnte das Internet die "Entfremdung" nicht beseitigen und auch keine PC-Demokratie etablieren. Diktatoren, Konzernchefs und Fundamentalisten benutzen eifrig das Net. Auch Osama bin
Laden hat eine Homepage. Politische, soziale und kulturelle Gegensätze gibt es weiterhin.
Wenn der Computer die Politik ersetzt, besteht ernste Gefahr. Wozu brauchen wir "reale" Veränderungen, wenn doch jedes Übel durch Mausklick zu löschen ist? Rushkoff entpolitisiert nicht nur.
Angesichts vieler unsinniger Webseiten lernt man die Lektüre traditioneller Bücher schätzen. Auch Kontakte zu Menschen aus Fleisch und Blut ersetzt der "Chatroom" nicht.
Das Internet erweitert unsere Kenntnisse und verbessert die Kommunikation. Aber es dient nur als gutes Werkzeug. Rushkoff verwechselt die "virtuelle Realität" mit der Wirklichkeit.
Rolf Helfert
Douglas Rushkoff, Die neue Renaissance. Auf dem Weg zu einer vernetzten, sozialen Wirtschaft, Riemann Verlag, München 2006, 383 Seiten, 19 Euro, ISBN 13: 978-3-570-50067-5
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