"Ketzerische Gedanken zu Deutschland" ist der Untertitel des Werkes. Laut Wolf habe Deutschland sein Vertrauen in die eigene Kraft und den Glauben an den Nutzen einer gemeinsamen Anstrengung
verloren. Die Ursache dafür sieht der durchaus weltoffene Abtprimas des Benediktinerordens im Versagen der 68er Generation. Die habe mit ihrem Projekt, den "neuen Menschen" zu schaffen, die Politik
in die moralische Ecke gestellt, die Selbstverwirklichung ohne Grenzen gefordert und die Verantwortung an den Staat abgetreten.
Weil das zunächst so klingt, als wolle es sich einer da ziemlich einfach machen - auf die "68er" schimpft es sich ja leicht -, legt Wolf nach. Er prangert an, dass das Vertrauen, das wir
immer noch in den Staat legten, der Weg des geringsten Widerstands sei. Ein zu hohes Sicherheitsdenken, und genau dieses gelte es aufzugeben. Besitzstandwahrer brauche diese Gesellschaft nicht, um
sich von sich selbst lösen zu können, schreibt Notker Wolf.
"Kein Menschenrecht auf vier Wochen Urlaub"
Im "Stern" hat der Autor klare Forderungen formuliert: "Erstens: Entlassen wir den Staat endlich aus der Verantwortung für unser Lebensglück. Die gehört in unsere eigenen Hände. Es reicht,
wenn der Staat da einspringt, wo wirklich Not ist. Es gibt kein Menschenrecht auf ein bequemes Leben und vier Wochen Urlaub. Zweitens: Machen wir Schluss mit den zentralistischen Bestrebungen,
allen per Gesetz zum Glück zu verhelfen. Die Pleite mit den Hartz-Gesetzen spricht Bände. Und drittens: Regierende müssen die moralische Kompetenz zeigen, die Grundzüge der humanen Gesellschaft zu
wahren, die durch neue Technik und wirtschaftliches Kalkül bedroht ist. Hier geht es um Ewigkeitswerte."
Diese Worte fassen seine Forderungen im Buch prägnant zusammen. Es dürfe aber nicht dabei bleiben, Schuldige zu benennen und "sie anzuprangern", schreibt er. Auch wir selbst seien "weder
schuldlos noch völlig machtlos" und führten das "unbeschwerte Leben einer Gesellschaft, die ihre Verantwortung an der Garderobe des Staates abgegeben" habe. Scharfe Töne, ganz so, als wolle der
Autor dem Untertitel seines Buchs Rechnung tragen.
Kritischer Blick auf China fehlt
Ein Wermutstropfen bleibt aber: Wolf, der oft in China unterwegs ist, idealisiert die Werte, die unsere Gesellschaft dem Fernen Osten zuschreibt. Viel fleißiger sei man dort, die Arbeit
ohnehin um ein Vielfaches billiger. Zunächst ist das ja richtig, doch fehlt ihm der kritische Blick auf China in dem Maße, in dem er ihn für Deutschland hat.
Leider ist kein Wort zu lesen darüber, dass Chinesen zum Teil noch immer unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten und dass obendrein die Umwelt dabei noch immer nicht als ein zu
wahrendes, einzigartiges Gut gesehen wird. So bleibt, bei allen wohltuenden "ketzerischen Gedanken zu Deutschland", ein befriedigender Lösungsansatz im Endeffekt aus.
Holger Küppers
Abtprimas Notker Wolf: Worauf warten wir? Ketzerische Gedanken zu Deutschland. Rowohlt Tb., Reinbeck, 2006, 224 Seiten, 12 Euro, ISBN 34-996-20944
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