Kultur

Peterchens Zugfahrt

von Dagmar Günther · 30. März 2006

Templin hatte während seiner Tätigkeit als Leiter der Unteren Wasserbehörde in Duisburg bereits Aufsätze in Fachpublikationen veröffentlicht. Mit "Und der Tag hat sich geneigt" ist der Frühpensionär nun in das belletristische Genre gewechselt. Das Leben seines früheren Arbeitskollegen, Peter Neuberger, wäre als Sachgeschichte wohl auch nicht erzählbar gewesen.

Neuberger, der in Wirklichkeit anders heißt, ist nämlich schon ein komischer Kauz. Nach Dienstende reist er tagtäglich mit dem Regionalzug nach Hause. Eines Abends reißt ihn das Dämmerlicht im Zugabteil in einen Halbschlaf, in dem sein bisheriges Leben wie ein Film an ihm vorbeizieht. Und Templin erzählt den Schilderungen seines Kollegen Neuberger folgend dessen Vita nach.

Jugenderlebnisse lassen Peter Neuberger bereits früh eine fast fatalistische Haltung gegenüber seinem Lebensablauf entwickelt. Ganz gleich, was er auch versucht, ein Fluch scheint auf seinem Leben zu liegen - dem beruflichen wie dem privaten. Zwischenzeitliche Erfolge, Bekanntschaften mit dem anderen Geschlecht und eine ihn aufmunternde Freundschaft zu einem Arbeitskollegen ändern daran wenig. Sein Schicksal ist besiegelt.

Und weil der Leser mit so einem Menschen mit leidet, freut er sich nach gut zwei Dritteln des Buchs zu lesen, dass Neubergers Verlobungsfeier mit Ingrid "zu einer gelungenen Sache wurde". Doch bereits im nächsten Abschnitt heißt es, dass Neuberger seiner Zukünftigen bei einem Streit um die Einrichtung der künftigen Wohnung ins Gesicht schlägt. Keine allzu guten Aussichten für die geplante Eheschließung! Als diese dann doch stattfindet, verstirbt am Hochzeitstag eine frühere gute Freundin Neubergers. Dieser muss dann, statt mit Ingrid fröhlich zu feiern, in die Klinik, um die Tote zu identifizieren.

So kommt es immer wieder ziemlich dick für Neuberger. Der Leser wünscht ihm irgendwann ein "normales" Leben. Aber so recht will das nicht gelingen. Das kleine Stück Glück zerbricht immer genau dann, wenn es sich gerade eingestellt hat. Neuberger aber nimmt diese Nackenschläge an und kämpft weiter.

Und schließlich ist ihm am Ende das Glück doch noch hold: Weit nach Mitternacht und ziemlich weit weg von Zuhause wacht er in dem Zugabteil auf.Doch am Bahnhof gibt es einen Taxistand mit einem freien Taxi - und solch glücklicher Umstand ist in Neubergers Leben wahrlich nicht selbstverständlich...

Klaus Templin ist ein unterhaltsamer Roman gelungen: mit viel Witz, reichlich Spannung, unvorhersehbaren Wendungen. Und weil jeder mal eine Pechsträhne hat, fällt es nicht schwer, sich mit Peter Neuberger zu identifizieren.

Holger Küppers



Klaus Templin: "Und der Tag hat sich geneigt", Geest-Verlag, 2005, 352 Seiten, 12,50 Euro, ISBN 3-937844-66-X

Autor*in
Dagmar Günther

war bis Juni 2022 Chefin vom Dienst des vorwärts.

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