Kultur

Neue Heimat ohne Goethe

von Die Redaktion · 28. Juli 2006

Er wohnt in einem Bremer Vorort in einer Doppelhaushälfte, ist Mitglied im Kegelverein und beginnt vorschriftsgemäß erst nach der Mittagsruhe damit, den Rasen zu mähen. Der Sohn wundert sich noch immer darüber und schreibt: "Woher diese Verbundenheit kommt, frage ich mich manchmal. Ich glaube, dass er sich in diesem Land seinen Wohlstand erarbeiten konnte, führte zu einer Mischung aus Stolz und Dankbarkeit, die er sich und der Gesellschaft entgegenbringt. Mittlerweile ist das Deutschsein so selbstverständlich, dass er es selbst nicht mehr hinterfragt."

Diese Aussage deutet bereits an, dass eine Kluft herrscht zwischen den beiden Angehörigen. Eine Kluft, die sie überbrücken wollen - und so bereisen sie gemeinsam die Stationen, in denen der Vater im Lauf seiner Wanderungen von Kroatien bis Bremen Halt gemacht hat. Nicol will den Vater besser kennen lernen und verstehen, wie aus ihm geworden ist, was er wurde.

Reise quer durch Europa

Und so brechen sie auf zu den Orten, die Drago auf seiner Flucht vor knapp einem halben Jahrhundert streifte. Ihre Reise führt die Ljubics über fünftausend Kilometer durch Europa - Zagreb, Triest, Martigues, Korsika, Paris und zurück nach Bremen. Drago erinnert sich an tagelange Fußmärsche, an den Hunger, den er litt, alles ohne möglicherweise nervende Sentimentalität.

Aber auch die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der Menschen ist ihm im Gedächtnis. Da ist die französische Kellnerin, die ihm umsonst zu essen gab, da ist der italienische Polizist, der an der Grenzkontrolle ein Auge zudrückte, da ist die Ehefrau des Gendarmen, die dem Flüchtling die Kleider wusch und bügelte.

Im Rückblick erscheint Drago Ljubics Flucht als eine einzige Folge von Abenteuern und wilden Liebesaffären. Manchmal hat es den Anschein, dass Nicol nicht immer weiß, ob er dem Vater glauben soll. Etwa wenn er kommentiert: "Ist es eine Verklärung im Nachhinein? Oder war es einfach eine andere Zeit damals, weil Menschen wie mein Vater noch Exoten waren und man Verständnis hatte für jeden, der dem Sozialismus entflohen war und sein Glück in der freien Welt suchte?"

Ziel, dem Vater näher zu kommen

Doch das Ziel, seinem Vater näher zu kommen, verliert Nicol Ljubic nie aus den Augen. Zwar bleibt stets spürbar, dass eine Fremdheit zwischen den beiden herrscht, aber sie kommen sich im Verlauf der Reise doch näher. Das Verständnis für den Vater und dessen Stolz, es "zum Deutschen gebracht zu haben", umschreibt er mit den Worten: "Mein Vater bekam keine Einführung in deutsche Leitkultur, er hat nie Goethe gelesen, und den Text der Nationalhymne kennt er auch nicht. Deutsch lernte er im Alltag, und die größten Integrationshilfen waren die Liebe zu zwei deutschen Frauen und die Arbeit, die ihm den Wohnstand ermöglichte."

Das klingt nach einer Mischung aus Liebe und Respekt, und so ist wohl auch das ganze Buch gemeint, das der Sohn dem Vater selbstverständlich widmet. Und es ist ein hervorragender Beitrag zur Debatte um Integration und kulturelle Identität, den man unbedingt lesen sollte.

Holger Küppers



Nicol Ljubić: "Heimatroman oder Wie mein Vater ein Deutscher wurde", Deutsche Verlagsanstalt, 2006. 213 Seiten, EUR 17,90, ISBN 3-421-05881-4

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