Kultur

Lackierte Oberflächlichkeit. Das Zerrbild der Moderne

von Die Redaktion · 13. April 2006

Der Autor variiert schlichte Gedanken. In Deutschland gebe es eine "Grundmentalität des Aufschubs". Viele Missstände nähmen die Deutschen nicht zur Kenntnis - soziale Ungleichheit, Armut, die Generationen- und Geschlechterfrage. Auch hinsichtlich der Globalisierung fehlen Ideen, nicht minder plagen uns Geburtenschwund, Arbeitslosigkeit, Bildungs- und Technologierückstand.

Alle diese Krankheiten werden täglich erörtert und kontrovers diskutiert. Verdanken wir Nolte neue Erkenntnisse? Die "romantische Sehnsucht" nach sozialer Wohlfahrt blockiere wirtschaftlichen Fortschritt und lähme das Wachstum. Unermüdlich geißelt Nolte die "obrigkeitliche, auf staatliche Versorgung fixierte Sozialmentalität" der Deutschen, die nicht gewillt seien, "Risiken" in Kauf zu nehmen. Eine zu stark regulierte Ökonomie habe Arbeitslosigkeit verursacht.

Gleichzeitig tadelt Nolte den hypertrophen "Individualismus" der Deutschen; sie seien nicht bereit, "gemeinschaftliche Solidarität" zu üben. Deregulierung und Solidarität widersprechen einander, doch stört Nolte diese Unlogik nicht. Im Zeitalter des Globalkapitalismus dürfe nicht länger der deutsche Staat die soziale Absicherung schultern, während vorbildliche Briten und Amerikaner individuell Bildung, Gesundheit und Rente sicherstellen.

Der Sozialstaat besserte rückständige, inhumane Zustände. Das simpel gestrickte Modernisierungsschema geht daran vorbei. Daher erwägt Nolte nicht, die Wirtschaftsstruktur zu ändern. Kritikern des Neoliberalismus empfiehlt er, "in die Tonne des Diogenes oder als Einsiedler in den Wald zu flüchten". Wenn Konzerne gen Thailand oder China auswandern, treffe die Schuld "unflexible" Deutsche. Nolte will die tüchtigere englische "Klassengesellschaft" kopieren, denn Hartz IV enthalte noch zu viele soziale Aspekte.

Mangelnde Konkretheit ist Noltes größte Schwäche. Was genau kann ein älterer Langzeitarbeitsloser tun? Nolte propagiert "Mut zur riskanten Moderne". In welches trockene Becken sollen Arbeitslose "mutig" springen? Richtig erkennt Nolte, dass Sozialtransfers nichts wirklich lösen und Geld besser für Bildung zu verausgaben sei. Dann aber muss die öffentliche Hand genügend Wissenschaftler engagieren! Als staatlich alimentierter Professor hat Nolte leicht reden. Die besten Kapitäne stehen an Land.

Dutzendfach präsentiert Nolte widersprüchliche Thesen. Beiläufig kritisiert er das Ungleichgewicht von privatem Reichtum und öffentlicher Armut, fordert jedoch, Steuern zu senken und Gebühren zu erhöhen, die gerade soziale Randgruppen belasten.

Kernlose Worthülsen strapazieren die Geduld des Lesers. So verkündet Nolte eine "Kultur der Bejahung" und erstrebt "Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität". Herz, was willst du mehr? Offen bleibt die Frage, welchen Zielen die Wirtschaft künftig dienen möge.

Letztlich scheitert Noltes Analyse der Misere. Viel kalter Kaffee, wenig inhaltliche Substanz.

Rolf Helfert

Paul Nolte, Riskante Moderne. Die Deutschen und der neue Kapitalismus, Verlag C.H. Beck, München 2006, 312 Seiten, 19,90 Euro.

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