Kultur

Filmtipp „Final Account": So blicken Nazi-Anhänger heute zurück

Wie werden aus Jugendlichen in kürzester Zeit verblendete Mitäufer eines verbrecherischen Regimes? Der Dokumentarfilm „Final Account“ lässt Zeitzeugen der NS-Jahre zu Wort kommen. Und richtet eine Warnung an die Menschen von heute.
von ohne Autor · 29. April 2022
Ein Bild aus dunkler Vergangenheit: Viele Zeitzeugen malen die NS-Zeit bis heute in positiven Farben.
Ein Bild aus dunkler Vergangenheit: Viele Zeitzeugen malen die NS-Zeit bis heute in positiven Farben.

Hinter ordentlichen Fassaden wohnt nicht selten eine fragwürdige Vergangenheit. So auch bei diesem gepflegten Eigenheim im Emsland. Lange fährt die Kamera über eine Reihe von Orden. Sie gehören Karl Hollander, einem ehemaligen SS-Obersturmführer von der Leibstandarte Adolf Hitler. Der weit über 90-Jährige hört nicht mehr so gut, ist geistig allerdings hellwach. Und neigt zu irritierenden Gedankenverbindungen.

„Was ist ein Blutorden?“, wird er in Bezug auf das Ehrenabzeichen der NSDAP gefragt. Der Greis hat die Frage nicht ganz verstanden und hakt nach: „Ein Blutbad?“ Hitler verehrt er immer noch. War die Reichspogromnacht 1938 ein Verbrechen? „Ich habe das nicht so empfunden“, antwortet er knapp. Mitleid mit Juden habe er nicht gehabt.

Die letzten noch lebenden Zeitzeugen

Wie wurden junge Menschen zu Mitläufern, womöglich zu Tätern während der NS-Zeit? Wie sehen sie ihre Rolle in dem verbrecherischen Regime Jahrzehnte später? Diesen Fragen geht „Final Account“ nach. Zehn Jahre lang interviewte der britische Filmemacher Luke Holland („Good Morning, Mr. Hitler“) die letzten Zeitzeugen, die unter den Nazis erwachsen geworden sind.

Sein Dokumentarfilm versammelt Männer, die der SS oder Waffen-SS angehörten. Im Jahr 1944 zählte die SS rund 795.000 Mitlieder. Somit stehen die Hochbetagten auch im quantitativen Sinne für einen bedeutsamen Teil der Gesellschaft. Einige dienten als Wachleute in Konzentrationslagern. Aber auch Frauen, die auf verschiedenste Weise mit dem NS-Staat verbandelt waren, äußern sich vor der Kamera. Allesamt sind es Menschen, die beim Machtantritt Hitlers Kinder oder Jugendliche waren und sich nach Kriegsende neu „sortierten“. Viele wirken wie befreit, weil sie zum ersten Mal über diese belasteten Lebensjahre sprechen.

Gleichgültig gegenüber dem Leid der Verfolgten

Im heimischen Wohnzimmer erzählen die Senioren aus ihrem frühen Leben. Ergänzend ist zeitgenössisches und mitunter erschreckendes Filmmaterial zu sehen. Eine Szene zeigt Passanten, die vom Fenster aus verfolgen, wie eine Synagoge abbrennt. Diese Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid der Verfolgten zieht sich durch viele Berichte. Hinzu kommen aktuelle Bilder von den Schauplätzen des Schreckens aus den Erzählungen der früheren SS-Schergen.

Viele Selbstzeugnisse rufen das Diktum von Primo Levi in Erinnerung, das den großen Rahmen des Films vorgibt „Monster existieren, aber sie sind zu wenige, um wirklich gefährlich zu sein. Gefährlicher sind die einfachen Männer, die bereit sind zu glauben und zu handeln, ohne Fragen zu stellen.“ Wobei man sich fragt, wie viel „Monster“ oder „Mitläufer“ in den Zeitzeugen steckt. Dies bleibt allerdings Spekulation, denn endgültige Wahrheiten werden kaum geboten.

Zwischen Glorifizierung und Reue

Groß ist das Spektrum der Perspektiven und Haltungen, mit denen diese Menschen ihre Biografie betrachten: von Ahnungslosigkeit über Selbstkritik und Reue bis hin zur Glorifizierung vergangener Zeiten ist alles dabei. Ebenso groß ist die Bandbreite an Reaktionen, die die Berichte bei Zuschauenden hervorrufen. Seien es Erschütterung oder Ekel.

Hollands Film ist in mehrfacher Hinsicht ein Kraftakt. 250 Interviews führte er ab 2008 mit ehemaligen SS-Angehörigen und Zivilisten. Immer wieder gab es Finanzierungsprobleme. Vor allem aber war es ein Wettlauf mit der Zeit: Kurz nach der Fertigstellung im Jahr 2020 erlag der Regisseur und Autor einem Krebsleiden. Im gleichen Jahr feierte „Final Account“ seine Weltpremiere bei den Filmfestspielen in Venedig.

Wie war der Holocaust möglich?

Für Holland ging es dabei auch um seine eigene Biografie. 1948 wurde er in Großbritannien geboren. Erst sehr spät erfuhr er, dass seine jüdische Mutter aus Österreich geflohen war und die Großeltern aus diesem Familienzweig ermordet wurden. Mit seinem Film wollte er verstehen lernen, was seiner Familie widerfahren und wie das Menschheitsverbrechen Holocaust möglich geworden war.

Ungeachtet dieser persönlichen Nähe des Regisseurs zum Stoff ist die Erzählung, die chronologisch einigen Zäsuren der NS-Zeit folgt, sehr sachlich gehalten. Gegenüber den Zeitzeugen agiert Holland als höflicher, aber hartnäckiger und kritischer Interviewer.

Warnung an die Gegenwart

Ihm lag nicht nur der Blick zurück am Herzen. Sein Film soll auch als Warnung an die Menschen von heute verstanden werden und sie dazu bringen, ihre Rolle in der Gesellschaft zu hinterfragen und ideologische Verblendung zu erkennen. Und zwar vor dem Hintergrund einer zunehmenden politischen Polarisierung und brutaler Konflikte der Gegenwart.

In einer Szene, die die übliche Erzählstruktur verlässt, landet Hollands Erzählung plötzlich mitten in der Gegenwart. Bei einer Diskussion mit Jugendlichen macht sich der frühere KZ-Aufseher Hans Werk zum Vorwurf, einer verbrecherischen Organisation angehört zu haben. Ein Schüler entgegnet ihm, es sei nicht verwerflich, für sein „Vaterland“ zu kämpfen. Es folgt eine hitzige und verstörende Diskussion, in der neue Ressentiments zum Vorschein kommen. Dieser emotionale Höhepunkt unterstreicht die Relevanz dieses Films, der zum Vermächtnis geworden ist.

Info: „Final Account“ (GB 2020), ein Film von Luke Holland, 90 Minuten
universalpictures.de
Kinostart: 28. April

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