Kultur

Film „Der schwarze Nazi“: Natürlich gibt es schwarze Rechtsextremisten

Kann ein Mensch Schwarz sein und gleichzeitig Rassist? Wie reagieren Rechtsextreme auf einen „schwarzen Nazi“? Fragen wie diese beantwortet die Film-Groteke „Der schwarze Nazi“ zurzeit im Kino. Ein Interview mit den beiden Hauptdarstellern über Deutschsein, Fremdenfeindlichkeit und Nazi-Klischees
von Kai Doering · 11. April 2016

Was ist deutsch?

Aloysius Itoka: Deutschsein ist für mich ein Lebensgefühl. Ich war sechs Monate alt als ich mit meinen Eltern nach Deutschland gekommen bin. Danach habe ich die ersten fünf Jahre meines Lebens in Deutschland verbracht. Als ich später in Liberia und den USA gelebt habe, hatte ich immer eine Sehnsucht nach dem anderen – nach dem, was ich als Kind erfahren hatte.

Deutschsein ist also nicht unbedingt Schweinebraten und Volksmusik?

Aloysius Itoka: Nein. Vielleicht eher Leberwurst. (lacht)

Judith Bareiß: Für mich ist es sehr schwierig, eine klare Antwort zu geben, was deutsch ist. Ich bin immer noch auf der Suche, den Begriff „deutsch“ klar zu definieren. Das eigene Land längere Zeit zu verlassen, würde einem sicher schon einige Antworten auf die Fragen geben. Aber dazu kam es noch nicht. Und ich bin sicher: Die Antwort auf die Frage wird sich immer ändern – eine Finale wird es nie geben.

Aloysius Itoka: Unser Film soll ja auch dazu anregen, sich genau diese Frage selbst zu stellen: Was ist eigentlich deutsch?

Judith Bareiß: Und wie weit die Integration der Menschen, die zu uns kommen gehen soll.

Im Film „Der schwarze Nazi“ spielen Sie, Aloysius Itoka, einen Kongolesen, der nach einem Zusammenbruch als Nazi aufwacht. Wie realistisch ist das?

Aloysius Itoka: Es ist ein fataler Fehler zu denken, dass Minderheiten niemals reaktionär oder sogar rechts sein können, egal ob sie eine andere Hautfarbe, sexuelle Orientierung oder was auch immer haben als die Mehrheit in einer Gesellschaft. In westlichen Gesellschaften ist dieses Bild unter Linken nicht selten vorhanden. Aber es stimmt nach meinen Erfahrungen nicht. Schwarze Rechte gibt es also durchaus.

Wem wollen Sie und die beiden Regisseure Tilmann und Karl-Friedrich König mit dem Film also einen Spiegel vorhalten?

Aloysius Itoka: Ich weiß gar nicht, ob das überhaupt das Ziel des Films ist. In der amerikanischen Kinokultur wollen viele Regisseure der Gesellschaft mit ihren Filmen mittels Überspitzung zeigen, was schief läuft. Deutsche Filmemacher – zumindest in der Gegenwart – bilden dagegen häufig eher die „Wirklichkeit“ ab. Tilmann und Karl-Friedrich haben einen anderen Kunstgriff gewagt: Sie haben genau denjenigen in den Mittelpunkt gestellt, der nicht dem gängigen Klischee eines Nazis entspricht.

Judith Bareiß: Sie beschränken das allerdings nicht auf den Ostteil Deutschlands, ja nicht einmal auf Deutschland insgesamt. Was im „schwarzen Nazi“ passiert, könnte überall so stattfinden. Deshalb müssen wir aufmerksam sein, was passiert – im Kleinen wie im Großen.

Die Hauptfigur Sikumoya bekommt es nicht nur mit Nazis zu tun, sondern auch mit alltäglichem Rassismus. Ist das etwas, das Sie selbst kennen, Herr Itoka?

Aloysius Itoka: Ich habe in den USA eine deutsche Frau geheiratet. Als wir gemeinsam zurück nach Deutschland gekommen sind, sprach ich die Sprache auch schon relativ gut. Als ich nach zwei Wochen zum ersten Mal meine Schwiegermutter getroffen habe, meinte sie: „Als erstes solltest du mal richtig Deutsch lernen.“ Das war überhaupt nicht böse gemeint, aber ich kann mir doch ganz gut vorstellen, wie es anderen Menschen geht, die aus dem Ausland nach Deutschland kommen und die Sprache noch gar nicht können. Deshalb: Ja, ich kenne so etwas auch.

Wie haben Sie sich auf Ihre jeweilige Rolle im Film vorbereitet?

Aloysius Itoka: Mein großes Vorbild in Sache angewandter Schauspielltechnik ist Meryl Streep. Zwar verrät sie sehr wenig über ihren Arbeitsprozess, dennoch vermutet man eine solide Technik dahinter. Nur so viel: Ich arbeite gerne von außen nach innen. Das bedeutet, dass äußere Begebenheiten das Innere meiner Figur bestimmen. Bis zu einem bestimmten Grad muss man sich auch mit seiner Figur identifizieren können. Das geht natürlich zum Glück nicht so weit, dass man zum Nazi wird, wenn man ihn verkörpern soll.

Judith Bareiß: Für mich war die Vorbereitung im Fall von Moni im „schwarzen Nazi“ nicht anders als bei anderen Filmen auch: Ich habe mir im Drehbuch genau angesehen, was über die Figur zu erfahren ist, wie die anderen mit ihr umgehen, wie sie selbst agiert. Aus all diesen Informationen kreiere ich dann meine Verkörperung der Figur. Besonders arbeite ich an den Subtexten und daran, wohin die Figur in jeder einzelnen Szene möchte.

Welche Rolle spielt eigentlich die Moni, die Sie im Film verkörpern?

Judith Bareiß: Sie ist der ruhende Pol für Sikomoya. Sie ist nicht sonderlich politisch, sondern bietet ihm eine Heimat in der gemeinsamen Beziehung. Sie sucht Geborgenheit in der Zweisamkeit.

Vor der Film-Premiere in Berlin gab es bereits eine Vorführung in Leipzig und eine in Dresden. Wie waren die Reaktionen des Publikums?

Judith Bareiß: Sehr unterschiedlich. In Dresden hat die Vorstellung nicht zufällig an einem Pegida-Montag stattgefunden. Das Kino war umzingelt von Polizisten, die eingegriffen hätten, wenn es zu Ausschreitungen gekommen wäre. Soweit ist es aber zum Glück nicht gekommen. Das Publikum wirkte auf mich politisch sehr engagiert, viele junge Leute, einige Punker. Viele der Zuschauer wollten nach dem Film mit uns Schauspielern und den Regisseuren ins Gespräch kommen. Manche hätte sich einen radikaleren Film gewünscht, der sich klarer gegen Nazis positioniert. Das Publikum in Leipzig war da anders. Für diejenigen, mit denen ich dort gesprochen habe, war der Film provokant genug.

Aloysius Itoka: Ein Freund von mir, der aus dem 68er-Spektrum kommt, hat zu mir gesagt, er hätte bei dem Titel einen groteskeren Film erwartet. Das hat mich stutzig gemacht, denn ich bin ganz froh, dass der Film nicht grotesker geworden ist – gerade in der aktuellen politischen Lage.

Judith Bareiß: Das stimmt, denn ansonsten würde es dem Zuschauer zu leicht gemacht, sich von dem, was er sieht, zu distanzieren, weil er es nicht mit dem, was er tagtäglich in Deutschland erlebt, in Verbindung bringt. Erschreckend ist für mich allerdings, dass sich die Wirklichkeit immer mehr dem anpasst, was wir im Film beschreiben.

Die Nazis bleiben im Film Menschen und werden nicht zur Karikatur.

Judith Bareiß: Ja, und damit verändert sich auch die Zielgruppe. Dadurch, dass wir nicht schwarz-weiß malen, schrecken wir nicht ab, sondern differenzieren.

Was haben Sie und die Regisseure mit dem Film nun vor?

Judith Bareiß: Vor allem wollen wir den Film möglichst in allen Bundesländern zeigen, an Schulen oder in anderen Einrichtungen besonders für junge Menschen. Aloysius und ich werden die Vorführungen abwechselnd begleiten und hinterher mit dem Publikum diskutieren. Darauf bin ich sehr gespannt und freue mich, denn das wird für mich auch eine ganz neue Erfahrung werden. Nicht das Neue als solches ist da für mich reizvoll, sondern die Tatsache, über ein Thema zu sprechen, über das auch gesprochen werden sollte!

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Autor*in
Kai Doering
Kai Doering

ist stellvertretender Chefredakteur des vorwärts. Er betreut den Bereich Parteileben und twittert unter @kai_doering.

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