"Humanismus" als kulturelle Leitidee soll Julian Nida-Rümelin zufolge einerseits für Menschlichkeit, zum anderen für Bildung und die Pflege altbewährter Traditionen sorgen. Was Menschen zu
Menschen mache, seien ein reflektiertes Selbstverständnis, Respekt für andere, Toleranz und ein waches Interesse für die Kultur der Vergangenheit und Gegenwart, die Kunst und Wissenschaft in sich
vereint. Dadurch solle sich auch die Spaltung zwischen den angeblich unnützen Geisteswissenschaften und den zunehmend auf wirtschaftlichen Nutzen ausgerichteten Natur- und Technikwissenschaften
überwinden lassen.
Nida-Rümelins Beiträge zu dieser Thematik sind in drei Bereiche gegliedert. Im ersten Teil, "Bildung und Kultur. Grundlagen", sind eine Diagnose der gegenwärtigen Situation und erteilt
Ratschläge für die weitere Entwicklung der wissenschaftlichen Bildung - insbesondere die Aufgaben und Möglichkeiten der Geisteswissenschaften betreffend - enthalten. Im zweiten Teil, "Kunst und
Lebenswelt", wird - auch kritisch - der Beitrag der verschiedenen Kulturbereiche betrachtet. Die Bedeutung der Popkultur als Kultur kommt hier ebenso zur Sprache wie die von Architektur und
Buchkultur. Der dritte Teil, "Perspektiven der Zivilgesellschaft", ist den Bedingungen einer wertbewussten und toleranten Gesellschaft gewidmet. Im Zentrum stehen die Integration ausländischer
Bürger, Mehrsprachigkeit, Probleme der Globalisierung und der Toleranz für andere Kulturen sowie die Verteidigung der Offenheit der Gesellschaft gegen ihre Feinde.
Das Existenzrecht der Existenzangst
Das ist alles richtig und wünschenswert. Nur Appelle an ein Wertesystem, an Freiheit, Toleranz, Respekt und die Achtung der Menschenwürde, hören die Leserinnen und Leser beinahe täglich.
Nida-Rümelin kreist um die Diskussion herum. Er fordert Altbekanntes. Wer hält die Bildung in der Schule wie an der Universität nicht einer neuen Orientierung für bedürftig? Wer wird sich nicht der
Forderung nach einer "Erneuerung humanistischer Werte" anschließen, statt Schulen und Universitäten immer wieder neuen Verfahren einer falsch verstandenen Ökonomisierung und Technokratisierung
auszuliefern?
Bildung ist sicher der Schlüssel dazu, dass Gesellschaften einen humanistischen "way of life" betreiben können, wer wollte das bestreiten. Aber wie kann dieses auch in der Wirklichkeit Einzug
halten? Geht es nach Nida-Rümelin, dann sicher nicht mit der heutigen deutschen Hochschulausbildung. "Viele Studierende werden nicht mehr von Neugierde auf die Wissenschaft an die Universität
geführt, sondern streben einen Studienabschluss lediglich deshalb an, weil sie glauben, sich damit besser im Erwerbsleben behaupten zu können", schreibt der Autor. Damit er trifft ins Schwarze. Und
es ist auch nicht unbedingt schön so. Jedoch: Ist eine von Existenzängsten getriebene Neugierde an der Wissenschaft per se eine schlechtere als die Neugierde an der "reinen Lehre"? Hat sie kein
Existenzrecht, auch nicht in diesen Zeiten?
Am Gelde hängt…
Nida-Rümelins Forderungen klingen bisweilen ein wenig realitätsfern. In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und knapper Ausbildungsplätze fordert er "Bildung vor Ausbildung". Eine Lehre der
Geisteswissenschaften preist er der (wenn auch durch z.B. Pflichtpraktika im Rahmen des Studiengangs) berufsvorbereitenden Universitätsausbildung als überlegen.
Gewiss, es gibt viel zu verbessern an deutschen Universitäten. Die Forderung, mehr Professoren einzuberufen, um das Verhältnis Studierende/Lehrende auf 1:20 zu erhöhen, ist durchaus zu
unterstützen. Die Frage nach der Finanzierbarkeit eines solchen Projekts beantwortet Nida-Rümelin allerdings damit, dass sich die Wirtschaft verstärkt engagieren und Gelder bereitstellen müsse. Am
Gelde hängt, zum Gelde drängt - letztendlich doch alles. Begrüßen oder gar als Leitkultur erachten müssen wir das nicht, aber leugnen hilft auch nicht weiter. Ein wenig mehr Humanismus in unserer
Gesellschaft könnten wir jedoch schon ganz gut vertragen, da hat Julian Nida-Rümelein zweifellos Recht.
Holger Küppers
Julian Nida-Rümelin, "Humanismus als Leitkultur. Ein Perspektivenwechsel", Verlag C.H. Beck 2006, 22,90 Euro, ISBN 3-406-54370-8, 223 Seiten
hat Politikwissenschaft und Philosophie in Berlin studiert und ist Redakteurin beim vorwärts.