Um es gleich vorweg zu sagen: Es ist ein dringend notwendiges Buch. „Spinnennetz der Macht“ des Frankfurter Publizisten Jürgen Roth beschäftigt sich mit den Verflechtungen der politischen und wirtschaftlichen Eliten.
Roths Buch schaut, heißt es in der Ankündigung des Econ Verlages „in die Abgründe unserer Gesellschaft“. Das trifft es nur ungenau. Denn ähnlich wie in seinem letzten Buch „Gazprom. Das unheimliche Imperium“ geht Jürgen Roth hinter die Fassaden, in die politischen und wirtschaftlichen Kulissen hinein und bewegt sich in Ihnen kundig und unerbittlich, fragt, hört zu, schreibt auf.
Herausgekommen ist eine spannende, den Leser bestürzende Arbeit, auch, weil sich während der Lektüre der 321 Seiten zunächst ein Gefühl und dann eine gewisse Sicherheit einstellt: Es gibt ganz offensichtlich Bereiche in unserem gesellschaftlichen System, die sich einer gesetzlich verankerten Kontrolle entziehen.
Exzellente Beziehungen zwischen Bankern, Managern, Politikern
Dem stellt seit Jahrzehnten Jürgen Roth seine Recherchen und Publikationen entgegen. Das ist nicht nur verdienstvoll. Es ist immer notwendiger. Das erschütternde ist: Es handelt sich um keinen Kriminalroman etwa des Großmeisters Eric Amblers „Waffenschmuggel“, 1959 zum ersten Mal veröffentlicht. Es ist ein Sachbuch, knapp 55 Jahre später erschienen.
Je mehr man im „Spinnennetz“ liest, desto mehr nähert man sich dem Ausruf: „Das kann doch wohl nicht wahr sein!“ Doch. Ist es aber! Und wie. „Die Wahrheit ist zuweilen viel bitterer, viel extremer und viel unvorstellbarer als das, was man in einem Krimi schreiben könnte,“ klagte, wer hätte das gedacht, der ehemalige Top-Manager und Vorstandsvorsitzende des baden-württembergischen Energieriesen EnBW, Utz Claassen. Ein Mann, dem „Machtambitionen, egomanisches Verhalten sowie die politische Landschaftspflege sicher nicht fremd sind, ebenso wenig wie der Aufbau von langjährigen exzellenten Beziehungen zu Top-Politikern, Top-Managern und Top-Bankern“, schreibt Roth.
Ich will bei diesem Beispiel bleiben. Der frühere Geschäftspartner von EnBW, der Russe Andrej Bykow, erhält von diesem Konzern und anderen Unternehmen für die „politische Landschaftspflege in Russland“ 59 Millionen Euro. Utz Claassen sagt Jürgen Roth dazu: „Wenn die Menschen an der Basis wüssten, was es zuweilen alles gibt, dann hätten wir als Gesellschaft ein sehr ernsthaftes Problem.“ Das mag wohl sein.
Wem schadet das?
Jedoch, schreibt Jürgen Roth: „ Zivilcourage wäre es, wenn er (Claassen, d. Red.) diese Erkenntnis konkretisieren und mit Namen füttern würde – doch da schweigt er leider. ... Auf meine Frage, warum er keine konkreten Namen nenne, teilte mir Utz Claassen mit, dass er aufgrund seiner vertraglichen Verschwiegenheitspflichten als Manager dazu nichts sagen dürfe.“ Die Geschichte geht natürlich weiter und ist die Lektüre wert.
Einige Bemerkungen zum Schluss. Es geht in Jürgen Roths Buch keineswegs nur um Korruption. Es geht um Verflechtungen der politischen und ökonomischen Eliten. Wer übt welche und wie viele Funktionen mit welchen und wie vielen Beziehungen zu welchem Zweck und Vorteil aus. Wem nützt das? Und: Wem schadet das? Gute und berechtigte Fragen, die Jürgen Roth stellt. Fragen, die in einer funktionierenden Zivilgesellschaft nur selten gestellt werden müssen. Roths Buch zeigt, dass das in diesem Land nicht der Fall ist. Und das ist sehr bedenklich.
Jürgen Roth: „Spinnennetz der Macht. Wie die politische und wirtschaftliche Elite unser Land zerstört“, ECON Verlag, Berlin 2013, 336 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-43020134-6
ist Journalist, Gast-Dozent für Fernsehdokumentation und -reportagen an der Berliner Journalistenschule und an der Evangelischen Journalistenschule in Berlin sowie Honorarprofessor im Studiengang Kulturjournalismus an der Berliner Universität der Künste (UdK).