Kultur

Der Dämon, der dich schreiben lässt

von Die Redaktion · 16. August 2006

"Ich habe nicht wieder in Chile gewohnt. (…) Um jedoch auf die Frage eines Unbekannten über mein Heimweh zu antworten, muss ich fast ausschließlich von meiner Zeit dort sprechen. Und von meiner Familie, denn Land und Sippe werden eins in meinem Kopf." Und das macht sie, auf 200 Seiten großartig. Isabel Allende erzählt vom Chile der Vor-Pinochet-Zeit, sie erzählt wie im "Geisterhaus" von der Trueba-Sippe, sie erzählt von sich.

Die Schärfe der Distanz

Das Buch ist eine Mischung aus Autobiografie und fiktivem Roman, wobei der biografische Einfluss sehr stark ist. Gleich zu Beginn taucht das "Geisterhaus" wieder auf. Von da geht es hinein in die Welt der Isabel Allende, wie sie war, vor dem Sturz ihres Onkels Salvador durch General Augusto Pinochet und seine Truppen im Jahr 1973, vor ihrer Emigration.

Der Blick aus der Distanz verhilft mitunter dazu, alles in seiner Gesamtheit und mit größerer Schärfe sehen zu können. So ergeht es auch Isabel Allende. Sie berichtet von ihrem Heimatland Chile oft so konkret und mit so viel Hingabe, als ob sie es erst vor kurzem verlassen hätte. An Verklärung liegt ihr nichts. Selbst Plattitüden wie etwa "die chilenischen Frauen (sind) leidenschaftliche Liebhaberinnen, später dann die Säulen der Familie, gute Mütter und gute Gefährtinnen für ihre Männer, für die sie häufig viel zu schade sind...", sind letztlich amüsant in ihrer Ehrlichkeit und gehören wohl zur Hommage der Isabel Allende an ihr Heimatland.

Die Heimat im Kopf

Warum gibt die Autorin ihrem Buch den Titel "Mein erfundenes Land"? Immerhin schreibt sie von einem real existierenden Land, und ihre Erinnerung daran ist scharf. Isabel Allende lässt ihre Protagonistin für sich sprechen: "Jahrzehnte lang habe ich nicht an meine Kindheit oder Jugend gedacht, ja, meine Vergangenheit lag mir so fern, dass ich beim Blättern in den Fotoalben meiner Mutter niemanden wieder erkannte (…)." Insofern sieht sie sich gezwungen, zumindest ihren Blick auf die Familie in gewisser Weise neu zu erfinden, denn viele Anhaltspunkte bleiben ihr nicht.

In den USA hat sie ein neues Zuhause gefunden, und doch: Es gibt noch ein Zuhause, das auf keiner Landkarte verzeichnet ist. Isabel Allende sagt über sich: "Ich kann fast überall leben und schreiben. Jedes Buch trägt etwas bei zu diesem 'Ort in meinem Kopf', wie meine Enkel ihn nennen. In der langsamen Übung des Schreibens habe ich mit meinen Dämonen und Obsessionen gerungen, habe die Winkel der Erinnerung erforscht, Geschichten und Gestalten dem Vergessen entrissen, mir anderer Leute Leben gestohlen, und aus all diesen Rohstoffen habe ich einen Ort gebaut, den ich meine Heimat nenne. Dort komme ich her." Allein dieses Bekenntnis der Isabel Allende sollte genügen, mehr über sie erfahren zu wollen - und ihr "erfundenes Land" kennen zu lernen.

Holger Küppers

Isabel Allende, "Mein erfundenes Land", Suhrkamp Verlag 2006 (dt. Erstausgabe, Originaltitel "Mi païs inventado", erschienen 2003), 200 Seiten, 16,80 Euro, ISBN 3-518-41830-0

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