Kultur

Der Charme der schrägen Sicht

von Die Redaktion · 18. August 2006

Teils skurril, teils sperrig und durchaus auch verstörend liegt Hernández Geschichten ein tiefer Charme zugrunde. Der sich erschließt dem, der bereit ist, tief in die Materie einzutauchen. Denn dieser Charme speist sich in erster Linie aus Hernández' schräger Sicht auf die Dinge und die Menschen in dieser Welt. Nicht von ungefähr also ließen sich Jungdichter aus seiner Heimat wie García Márquez und Juan Carlos Onetti schließlich von ihm inspirieren.

Der Balkon voller Einsamkeit

Es sind die physischen Dinge, die es Hernández angetan haben. In seinen Erzählungen entwickeln sie ein mitunter seltsames Eigenleben. Beispielweise unterhält in "Der Balkon" Eine Frau eine Liebesbeziehung zu ihrem Balkon - so viel zu den schrägen Ansichten des Autors! Als der besagte Balkon eines Tages abstürzt, ist die Frau von dessen Selbstmord überzeugt. "Er ist eifersüchtig geworden, als ich in Ihr Zimmer gegangen bin", lässt Hernández die junge Frau zu seinem Ich-Erzähler sagen - so lange bis dieser es glaubt und sich nun gleichfalls grämt. Das grenzt an Wahnsinn.

Doch der Wahnsinn hat Methode. Und vor allem dient er einem Zweck: die Wahrnehmung und Unsicherheit des Felisberto Hernández auszudrücken - auf seine ganz eigensinnig-radikale, subtil-humorige Art. Und in so manches Mal wird dem Leser dazu zu verholfen, seine eigene Wahrnehmung zurechtzurücken. Wie einsam muss beispielsweise diese Frau, der davon überzeugt ist, einen Balkon zu lieben? So gesehen wohnt Hernández' Humor auch Trauer inne. Seine Geschichten sind merkwürdig tragikomische Fälle.

Die Belebung toter Gegenstände

In "Die Hortensien" wird die Schwelle zum Wahnsinn dann sogar überschritten. Horacio, ein früherer Kaufhausbesitzer, hat mehr als nur eine Leidenschaft für Schaufensterpuppen. Zuhause stellt er seiner Frau eine künstliche Doppelgängerin an die Seite. Was zunächst nur ein erotisches Spielchen der Eheleute zu sein scheint, steigert sich zu Realitätsverlust und sexueller Perversion: Immer raffiniertere Puppen muss der befreundete Puppenhersteller erfinden, die er im übrigen auch andernorts erfolgreich vermarktet. Tote Gegenstände werden lebendig. Technischer Perfektionismus paart mit magischem Denken.

Die meisten der Erzählungen des Felisberto Hernández sind nach diesem Muster gestrickt. Und doch ist jede einzigartig. Die Helder seiner Geschichten fühlen sich in ihrem selbst eingerichteten Unglück irgendwie sogar glücklich. Wer wie Hernández vier gescheiterte Ehen hinter sich und aus einem großen klavierspielerischen Talent nicht mehr machen konnte, als jahrelang als Kaffeehausmusiker durch die Provinz zu tingeln, der weiß wovon er schreibt.

Holger Küppers

Felisberto Hernández, "Die Frau, die mir gleicht. Erzählungen", Suhrkamp Verlag 2006, 398 Seiten, 24, 80 Euro, ISBN 3-518-41752-5

0 Kommentare
Noch keine Kommentare