Kultur

Aus der Starre in die Bewegung

von Die Redaktion · 17. Juli 2006

Der Untertitel des Buchs lautet: "Bilanz jahrzehntelanger Fehlentwicklungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft". Auszusetzen ist daran erstmal nichts, natürlich haben wir Probleme mit unseren Sozialsystemen, mit unseren Bildungseinrichtungen, mit der Integration der ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger. Wer möchte das bestreiten?

Gockel zitiert auf der Rückseite seines Buchs die Berliner Justizsenatorin Karin Schubert (SPD) mit den Worten: "Wir hatten andere Vorstellungen von einer Einwanderungsgesellschaft. Heute müssen wir sagen: So geht es nicht weiter. Wir werden eine Gesellschaft bekommen, in der Menschen auf Grund ihrer Chancenlosigkeit nur noch eine Chance sehen: Gewalt."

Positives Bild in den "Problemkiezen"

Möglich, dass diese Wortwahl doch etwas zu pessimistisch war. Denn wer vom 9. Juni 2006 an, dem Beginn der Fußball-WM, hin und wieder durch die Berliner "Problemkieze" Kreuzberg und Neukölln mit ihrem hohen Ausländeranteil flanierte, konnte sehen, dass zumindest ein nicht unbeträchtlicher Teil der dort lebenden Ausländer gar nicht so große Probleme mit ihrer neuen Heimat haben, wie viele von uns gedacht haben.

Fröhlich trugen Mädchen mit Kopftüchern und Jungs mit "Türkiye"-Shirts die deutsche Fahne durch die Straßen, Dönerstande waren schwarz-rot-golden beflaggt, tiefergelegte BMWs mit Deutschlandfahnen geschmückt. Das sollte bedeuten: Seht her, wir mögen das Land, in dem wir wohnen.

Dass der allgemeine WM-Frohsinn allein die Probleme der Gewalt an vielen Schulen in den genannten Bezirken löst, heißt das wiederum natürlich nicht. Aber es lässt vermuten, dass die Bereitschaft zur Integration größer ist, als wir gedacht haben. Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis überhaupt, die die WM gebracht hat.

Schonungslose Offenlegung

Jedoch: Es gibt nichts grundsätzlich Falsches an Gockels Mangelbeschreibung. "Gewalt, Betrug und Korruption haben ihr hässliches Haupt erhoben. Geld ist Götze. Zwänge von Moral und Religion sind weitgehend abgeschüttelt: Lust statt Liebe, Selbstsucht statt Nächstenliebe, Laster statt Tugend. (…) Der süßliche Geruch von Fäulnis streicht über das Land." Mit diesen Sätzen ist Gockels in weiten Teilen schonungslose Offenlegung wohl hinreichend umschrieben, und zumindest sein eigener Anspruch erschöpft.

Mehr als "eine Bestandsaufnahme" soll das Buch nicht sein. Das ist es auch nicht, und doch regt es zum Nachdenken an, womit das eigentliche Ziel erfüllt ist.

Das allerdings wird nicht überall so gesehen. Das Internetportal www.GlaubeAktuell.net etwa meint: "Man muss als Leser schon ein sonniges Gemüt haben, um nach diesem Rundumschlag noch von Hoffnung zu sprechen." Das jedoch ist zu kurz gedacht für ein Buch, das zunächst nur aufrütteln will und keinesfalls fordert, den Kopf in den Sand zu stecken. Heißt es doch am Ende in Gockels Buch: "Noch haben wir gemeinsam die Chance, etwas zu bewegen. Noch - doch wir sollten uns endlich aufraffen, es auch zu wollen."

Und vielleicht haben es unsere türkischen und - allgemeiner ausgedrückt - ausländischen Mitbürger ja bereits vorgemacht: die Bekenntnis zu dem Land, in dem man lebt, ist kein schlechtes Zeichen für diesen geforderten Anfang. Wir sollten es ihnen nachtun, denn wenn dieses Land uns und der Politik gleichgültig bleibt, dann, erst dann sieht es so schwarz aus, wie einige bereits glauben.

Holger Küppers

Hans-Hermann Gockel: "DEUTSCHLAND - die überstrapazierte Nation", Preis: 13,90 Euro, Resch-Verlag Gräfelfing, 2006. 203 S., ISBN: 3-935197-50-0

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