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Was die Sanktionen gegen Russland bisher bewirkt haben

Nach der Annexion der Krim hat die EU vor einem Jahr Wirtschaftssanktionen gegen Russland beschlossen. Die Zwischenbilanz ist ernüchternd. Gesucht wird weiter eine politische Lösung.
von Christian Wipperfürth · 5. August 2015
Die Rezession kommt: Die Corona-Krise lässt die deutsche Wirtschaft schrumpfen. Wie stark, das ist noch unklar.
Die Rezession kommt: Die Corona-Krise lässt die deutsche Wirtschaft schrumpfen. Wie stark, das ist noch unklar.

Ende Februar 2014 übernahm Russland die Macht auf der Krim, einen Teil der Ukraine. Daraufhin verhängte der Westen zunächst eher symbolische Strafmaßnahmen. Spürbare Wirtschaftssanktionen folgten ab Sommer 2014. Der westliche Kreditmarkt ist seitdem versperrt. Russische Schuldner waren seither genötigt, Kredite in Höhe von 160 Milliarden US-Dollar abzubauen, die ansonsten wohl verlängert worden wären. Dieser Kapitalabfluss und der sinkende Ölpreis führten zu einer Rezession.

Die EU-Kommission schätzt die Kosten der Strafmaßnahmen für Russland bis Ende 2015 auf 90 Milliarden Euro. Für die Länder der EU wurden 80 Milliarden Euro veranschlagt. So ging etwa der deutsche Russlandexport von Januar bis Mai 2015 um 34 Prozent zurück. Bis zu 150 000 Arbeitsplätze gelten hierzulande als gefährdet.

Wesentliche Bedingungen für einen Erfolg der Sanktionen sind nicht erfüllt

Aber werden durch Sanktionen die angestrebten politischen Ziele erreicht? Hierfür müssen zwei Bedingungen erfüllt sein:

1. Sie müssen international breit getragen sein. Im Bezug auf den Iran und sein Atomprogramm war dies der Fall, hinsichtlich Russlands nur eingeschränkt, denn China, Indien und viele andere haben sich verweigert.

2. Sie haben dann die erwünschte Wirkung, wenn sie eine einflussreiche Opposition innerhalb des sanktionierten Landes unterstützen, die die politischen Ziele der Strafmaßnahmen gut heißt. Diese fehlt in Russland, die Popularität Präsident Putins ist seit Inkrafttreten der Sanktionen vielmehr angestiegen. Denn Russland besitzt eine lange Tradition, sich gegen (vermeintliche) Gegner zusammenzuschließen.

Ist Russland vielleicht durch die Sanktionen und der Androhung weiterer dazu genötigt worden, Expansionspläne aufzugeben? Das ist eine Deutung, die nicht hinreichend zu belegen ist.

Ziel darf nicht eine Schwächung Russlands sein, sondern Frieden in der Ukraine

Die Bilanz ist also ernüchternd. Gleichwohl war nachvollziehbar, ja notwendig, deutlich auf den russischen Handstreich auf der Krim und die militärische Unterstützung der Rebellen zu reagieren. Sanktionen machen Sinn, um Entschlossenheit zu demonstrieren und die eigene Verhandlungsposition zu verbessern.

Die Bundesregierung betont seit über einem Jahr, dass es keine militärische Lösung in der Ukraine geben kann. Hiervon musste sie auch Verbündete überzeugen. Es kann und darf nicht darum gehen, Russland zu schwächen, sondern den Frieden in der Ukraine herzustellen. Und zu einem neuen Miteinander auf dem gesamten europäischen Kontinent zu kommen. Dafür muss immer wieder gekämpft werden. Was Außenminister Steinmeier tut.

Wie geht es weiter?

Und jetzt? Die Umsetzung des Minsk-II-Friedensprozeses sollte mit konkreten Anreizen, aber auch öffentlichem Druck auf alle Konfliktparteien verbunden werden. Moskau, die Rebellen, aber auch Kiew sind in der Pflicht. Bundeskanzlerin Merkel und Außenminister Steinmeier haben einen gemeinsamen Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok ins Gespräch gebracht. Dies würde den Konflikt um die Ukraine – und auch innerhalb dieses Landes – beträchtlich entspannen und der teils aggressiven, teils verbitterten Stimmung in Russland entgegen wirken. Allerdings wären auch noch einige westliche Partner zu überzeugen, sich ernsthaft auf diesen Weg zu begeben.

Ein westlich-russischer Konflikt ist Wasser auf die Mühlen der Nationalisten, nicht nur in Russland. Er bedroht auch die Stabilität andernorts, wie in der Republik Moldau, in der es etwa ebenso viele Menschen Richtung Moskau wie nach Brüssel zieht.

Der gesamte europäische Kontinent steht an einer Wegkreuzung. Es gibt noch Chancen. Wir sollten sie nutzen, nicht zuletzt für die mehr als zwei Millionen Flüchtlinge aus dem Kriegsgebiet, die innerhalb der Ukraine oder nach Russland geflüchtet sind.

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Autor*in
Christian Wipperfürth

ist Publizist zur russischen Außen- und Energiepolitik. Er hat für das Europäische Parlament und den Deutschen Bundestag gearbeitet und in Sankt Petersburg gelehrt. Wipperfürth ist Associate Fellow der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. www.cwipperfuerth.de

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