International

UNO-Flüchtlingshilfe: Warum gerade jetzt jeder Euro zählt

Kriege und Dürren: Mehr als 100 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Die UNO-Flüchtlingshilfe appelliert an die Deutschen, neben der Ukraine die anderen Krisengebiete nicht zu vergessen.
von Lars Haferkamp · 16. August 2022
Die UNO-Flüchtlingshilfe wirbt um Spenden: Hier am 18.06.2022 am Tag der Offenen Tür in der Villa Hammerschmidt in Bonn. In der Mitte (v.r.) Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Geschäftsführer Peter Ruhenstroth-Bauer und Oberbürgermeisterin Katja Dörner.
Die UNO-Flüchtlingshilfe wirbt um Spenden: Hier am 18.06.2022 am Tag der Offenen Tür in der Villa Hammerschmidt in Bonn. In der Mitte (v.r.) Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Geschäftsführer Peter Ruhenstroth-Bauer und Oberbürgermeisterin Katja Dörner.

Herr Ruhenstroth-Bauer, der Ukraine-Krieg sorgt seit einem halben Jahr jeden Tag für Schlagzeilen. Welche Folgen hat er aus Sicht der UNO-Flüchtlingshilfe?

Der Krieg in der Ukraine, mitten in Europa, führt uns vor Augen: Jede*r von uns kann jederzeit und egal an welchem Ort zum Flüchtling werden. Der Überfall Russlands auf die Ukraine hat die größte Fluchtbewegung seit Ende des zweiten Weltkriegs in Europa ausgelöst. Mehr als 10 Millionen Menschen hat das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) gezählt, die aus der Ukraine geflohen sind. Neben dem Leid und Tod für die Menschen in der Ukraine zeigt sich ein kleiner Hoffnungsschimmer: wie solidarisch und hilfsbereit sich die Nachbarn zeigen und auch die Zivilgesellschaft in Deutschland zeigen.

Welche Rolle spielen Spenden in einer solch verheerenden Kriegslage?

Wie bei jedem Konflikt sind Frieden und Stabilität die wichtigste Antwort, damit unschuldige Menschen nicht fliehen müssen. Humanitäre Hilfe ist viel mehr als Linderung der Not. Meine Gespräche mit Geflüchteten zeigen mir, dass jeder Euro für einen Menschen einen lebenswichtigen Unterschied machen kann. Die große Spendenbereitschaft der deutschen Bevölkerung hat nicht nur ganz konkret für Nothilfegüter, Medikamente, Rechtsberatung und Schutz von Geflüchteten gesorgt, sie gibt auch Hoffnung: Denn die Ukrainer*innen wissen, dass sie nicht alleine sind.

Sie sprechen von der großen Spendenbereitschaft der Deutschen. Gibt es dazu konkrete Zahlen?

Der Deutsche Spendenrat und das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) zertifizieren mit Spendensiegeln, auf die man unbedingt acht sollte. Die großen Spendenbündnisse berichten von aktuell von 170 und 130 Millionen Euro. Das sind große Zahlen, aber es sind ja auch Millionen Menschen vom Krieg betroffen.

Betroffen sind ja nicht nur die Ukrainer*innen, der Krieg hat auch Auswirkungen auf die weltweite Versorgung mit Lebensmitteln. Welche sind das?

Der Ukraine-Krieg ist ein wichtiger Grund, warum sich die Hungersituation auf der Welt verschlechtert. Dieser Krieg wirkt weit über die Region hinaus. Dass endlich wieder Schiffe mit Getreide die Ukraine verlassen können, gibt etwas Hoffnung. Aber auch die Corona-Pandemie und die anhaltenden Dürreperioden spielen eine zentrale Rolle. Um ein Beispiel zu nennen: Die aktuelle Dürre am Horn von Afrika führt zu über 18 Millionen Hungernden in der Region. Das ist ein Nährboden für neue Konflikte, für Kriege und Vertreibungen.

Seit einem Jahr sind in Afghanistan die Taliban an der Macht. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage im Land ein?

Die Lage in Afghanistan ist eine Katastrophe für die Menschenrechte – besonders dramatisch für Frauen und Mädchen – die extrem eingeschränkt werden, etwa in ihrer Bewegungsfreiheit. 3,5 Millionen Menschen sind aktuell vertrieben, viele als Binnenflüchtlinge innerhalb Afghanistans. Es ist dringend Hilfe nötig, besonders vor dem sehr harten afghanischen Winter.

Wer soll helfen: die Bundesregierung oder die Deutschen durch Spenden?

Beide. Die Bundesregierung gehört zu den ganz großen Unterstützern des UNHCR. Direkt nach den USA liegen wir auf Platz 2. Aber trotzdem sind die Missionen des UNHCR unterfinanziert. Deshalb appellieren wir natürlich auch an die Menschen, die sich so wunderbar für die Ukraine engagiert haben, auch andere Brennpunkte zu sehen, wo Menschen dringend Hilfe brauchen.

Andere Brennpunkte geraten vielleicht auch deshalb etwas in den Hintergrund, weil die Ukraine in der Berichterstattung im Vordergrund steht.

Das ist sicher so. Die anhaltende verheerende Dürre in Somalia hat ein noch nie dagewesenes Ausmaß erreicht: Eine Million Menschen sind inzwischen als Vertriebene registriert und eine Riesenhungersnot droht. Solche Katastrophen passieren quasi unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit. Langanhaltende Krisen wie im Jemen oder die Situation der staatenlosen Rohingya in Südostasien sind kaum noch eine Nachricht wert. Die Hilfsoperationen sind in der Folge dramatisch unterfinanziert. Deshalb ist es so wichtig, daraufhin  hinzuweisen, wie nötig Hilfe ist und wie sie der UNHCR ermöglicht.

Der UNHCR schätzt, dass 100 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht sind. Wie blickt die UNO-Flüchtlingshilfe angesichts dieser Zahl in die Zukunft?

Diese traurige Rekordzahl ist inakzeptabel für die Menschheit. Regierungen und Zivilgesellschaften dürfen sich nicht damit abfinden, dass ein Prozent der Menschheit die Heimat verlassen muss. Es ist unsere Verantwortung gegen die Fluchtursachen zu kämpfen und gleichzeitig den Menschen über Nothilfe hinaus aus Perspektiven zu ermöglichen. Die Bundesregierung hat zum Beispiel ein DAFI-Programm aufgelegt. Damit können junge Geflüchtete dank eines Stipendiums studieren. Das Stipendienprogramm übernimmt die Kosten für Studiengebühren, Unterkunft und Lebenshaltung. Dieser Zugang zu Bildung ist der Schlüssel zu einem besseren, selbstbestimmten Leben. Jedes Stipendium, das wir ermöglichen können, gibt uns – bei allen Sorgen – ein Stück Hoffnung.

0 Kommentare
Noch keine Kommentare