Am 26. Mai findet in Baku der Eurovision Song Contest statt. Dabei gibt die Menschenrechtslage in Aserbaidschan nach wie vor Anlass zur Kritik. Jörg Hafkemeyer über die Lage in Aserbeidschan und warum Laman und Ulvi aus ihrem Heimatland nach Thüringen flüchten mussten.
Sie ist jung, 25 Jahre alt. Lächelt. Spricht leise. Wirkt sehr konzentriert. Laman Tahmazov ist Muslimin. Sie trägt Kopftuch. Ist 50 kg leicht. Neben ihr steht Ulvi. Ihr Mann, der vier Jahre jünger ist als seine Frau. Aufgewachsen sind beide in Baku am Kaspischen Meer. Der Hauptstadt von Aserbeidschan, südlich des Kaukasusgebirges gelegen. Sie sind aus ihrem Heimatland geflüchtet.
Schüchtern schaut er zu ihr auf: „Der Grund waren die politischen Probleme von meinem Mann. Er war in einer Oppositionspartei und hatte viele Probleme mit der Polizei. Wir konnten da nicht mehr leben. Das war gefährlich für unser Leben.“ Lamans Vater ist bis heute in Baku in der Regierungspartei des Präsidenten Ilham Aliijev. Dieser ist vor fast 10 Jahren nach dem Tod seines Vaters Heydar durch reichlich manipulierte Wahlen an die Macht gekommen.
Klassische Staatspartei
Die Partei Neues Aserbeidschan ist eine Staatspartei im klassischen Sinn. Sie lässt andere Parteien zu, aber nicht an die Regierung. Sie lässt eine Opposition zu, die allerdings weder Macht noch Einfluss hat. Alle wichtigen Posten und Ämter in diesem ölreichen Land werden von der Staatspartei besetzt. Aliijev und die mit ihm befreundeten Clans besitzen das Land. Wer sich in diesem System nicht einrichten, wer etwas anderes will, bekommt erhebliche Probleme mit der politisch gesteuerten Staatsgewalt.
Ulvi Tahmazov hat das erfahren. Während seines Sportstudiums in Baku engagiert er sich politisch und tritt in die größte Oppositionspartei ein. Er kritisiert das System Aliijevs und wird verhaftet: „Ich war 2007 und 2008 im Gefängnis.“ Dort wird er geschlagen, verletzt. Noch heute, nach so vielen Jahren will er so richtig nicht darüber sprechen. Nicht einmal mit seiner Frau.
Die schaut ihn an: „Im Gefängnis. Das hat er mir noch nicht erklärt. Ich weiß, dass war sehr, sehr schwer für ihn.“ Ulvi nickt Laman zu: „Sie können alles machen. Sie schlagen. Die Polizei in Aserbeidschan, sagt man, ist wie ein Gott. Wir sagen Allah. Sie darf alles machen.“
Thüringen statt Baku
Ulvi hat in jener Zeit große politische Probleme in seinem Land. Weil er der größten Nichtregierungspartei angehört. Weil er gegen die Politik der Regierung demonstriert. Weil sich dieser stille, scheue junge Mann mutig öffentlich gegen sie stellt. Im Gefängnis wird er nicht nur geschlagen, er wird gefoltert. Als er wieder draußen ist, weiß er, es wird gefährlich für ihn.
Als Lamans Vater auch noch gegen die Eheschließung der beiden ist, beschließen die, zu gehen. Sie packen ihre wenigen Sachen zusammen, heiraten in der Türkei und fliehen von dort nach Deutschland. „Wir sind von der Türkei nach Frankfurt mit dem Flugzeug gekommen. Ohne Visum und wurden Asylanten,“ erinnert sich Laman. Im tiefsten Süden Thüringens, in Sonneberg, werden sie in einem schrecklichen Asylantenheim untergebracht. Nach langer Zeit telefoniert sie dann endlich mit ihrer Schwester im fernen Baku.
Angst um die Familie
„Zuerst war sie überrascht. Ja, natürlich, sie haben mich so lange Zeit nicht gesehen. Zuerst war sie also überrascht und hat sich aber gefreut, dass ich angerufen habe.“ Laman schaut nachdenklich. Ihr Vater ist ihr immer noch böse, weil sie ausgerechnet mit diesem Ulvi durchgebrannt ist, der doch in der falschen Partei sei.
Ulvi hat nie mit seiner Familie telefoniert: „Nein, nie. Nur mit meinem Freund. Ich habe ein Problem in meinem Land. Ein politisches Problem. Und manchmal kommt die Polizei zu unserer Familie und sagt nicht so gute Worte, ist ein bisschen böse, jedes Mal wieder, jedes Mal wieder.“
Ulvi hat Angst um seine Familie. Beiden fehlt Baku. Jetzt kämpfen sie um ihren Asylstatus in Deutschland. Das ist nicht einfach. Doch die 25jährige Frau mit den wachen, dunklen Augen ist eine Kämpferin. Sie ist Lehrerin. Hat nach viereinhalb Jahren Studium an der Universität in Baku ihr Diplom gemacht. Das in Deutschland „natürlich“ nicht anerkannt wird. Sie spricht gut deutsch, Englisch und Russisch, neben ihrer Muttersprache.
Mit der Unterstützung von Freunden und Bekannten schafft sie es schließlich. Sie überwindet die deutsche Bürokratie, gewinnt vor Gericht. Deutschland gewährt ihnen Asyl. Ulvi sagt noch: „In Aserbeidschan wurde sie fast von der staatlichen Gewalt zerquetscht. In Deutschland fast von Paragrafen und Aktendeckeln.“
ist Journalist, Gast-Dozent für Fernsehdokumentation und -reportagen an der Berliner Journalistenschule und an der Evangelischen Journalistenschule in Berlin sowie Honorarprofessor im Studiengang Kulturjournalismus an der Berliner Universität der Künste (UdK).