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SPE-Spitzenkandidat Frans Timmermanns: Ein patriotischer Europäer

Der Niederländer Frans Timmermanns wird die europäischen Sozialdemokraten als Spitzenkandidat in den Europawahlkampf führen. Er will für die Sozialdemokratie die Mehrheit holen und der nächste Kommissionspräsident werden. Ein Porträt
von Julia Korbik · 17. Dezember 2018
Will künftiger EU-Kommissionspräsident werden: SPE-Spitzenkandidat Frans Timmermans
Will künftiger EU-Kommissionspräsident werden: SPE-Spitzenkandidat Frans Timmermans

Am Ende stand er einfach nur da, ließ seinen Blick über die ­applaudierende Menge wandern, und schien einmal tief durchzuatmen. Durch die Halle schallte ­„Bella Ciao“, und natürlich kannte Frans ­Timmermans jede Zeile dieses alten Partisanen-Liedes. Durchatmen, endlich. Dazu war er auf dem zweitägigen SPE-Kongress in Lissabon nicht gekommen. Stattdessen hieß es: Kondition beweisen. So viele Hände, die geschüttelt werden, so viele Gespräche, die geführt, so viele Reden, die gehalten werden wollten.

Timmermans wird die SPE 2019 als Spitzenkandidat in den Europawahlkampf führen, er will eine sozialdemokratische Mehrheit im Parlament holen und dann Jean-Claude Juncker als Kommissionschef beerben. Diese Wahl, das machte Timmermans klar, ist keine normale Wahl: „Es steht so viel auf dem Spiel wie noch nie seit der ersten Direktwahl des Europaparlaments 1979. Es geht um Europas Seele, darum, ob ­Europa weiterhin auf Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und dem Respekt von Menschenrechten basiert – oder ob es nur noch um Machtausübung geht.“ Timmermans ist es ernst mit dieser Schicksalswahl. In einem Interview mit dem „Deutschlandfunk“ sagte er: „Wenn es uns nicht gelingt, Europa wieder in die Herzen der Leute zu bekommen, dann wird dieses Europa scheitern.“

Euphorie in Lissabon

Die Euphorie für den Niederländer war in Lissabon spürbar – kein Wunder, schließlich ist er Europäer durch und durch. Das zeigt sich schon an seiner Biografie: Als Sohn eines Diplomaten wurde Frans Timmermans in Maastricht geboren und wuchs in Paris, Brüssel, Rom und dem niederländischen Heerlen auf. Großes Vorbild blieb dabei für ihn bei aller Weltläufigkei sein Großvater, ein Bergmann. Er zeigte ihm, wie wichtig der Kampf für Arbeiterrechte ist.

Später zog es den heute 57-Jährigen, der sieben Sprachen fließend spricht, ebenfalls in den diplomatischen Dienst: Er arbeitete unter anderem als Botschaftssekretär der niederländischen Botschaft in Moskau. 1998 folgte er dem Ruf der Politik und zog für die Partei der Arbeit (PvdA), der er seit 1990 angehört, ins niederländische Parlament ein. 2012 wurde Timmermans in der großen Koalition aus VDD (Volkspartei für Freiheit und Demokratie) und PvdA Außenminister. In seiner Heimat wird „Super-Frans“ als erfahrener Außenpolitiker geschätzt – in Deutschland als alter Freund der deutschen Sozialdemokratie.

Mutig für die Werte Europas

2014 wurde Timmermans als Erster ­Vizepräsident und EU-Kommissar für Bessere Rechtssetzung, interinstitutionelle Beziehungen, Rechtsstaatlichkeit und Grundrechtecharta in die EU-Kommission berufen. Ein Job, in dem sich der ansonsten stets humorvolle und um Ausgleich bemühte Timmermans konfliktbereit zeigt: So war er verantwortlich für die Eröffnung des Verfahrens gegenüber Polen sowie für die EU-Klage gegen Ungarn vor dem Europäischen Gerichtshof. Die europäischen Werte sind ein Thema, bei dem Timmermans nicht nachgibt – als Kommissar wie auch als Europäer. Gleichzeitig plädiert er dafür, den Bevölkerungen Polens und Ungarns die Hand zu reichen. In Lissabon sagte Timmermans: „Ich gebe den Polinnen und Polen mein Versprechen, dass ich das polnische Volk in seinem Kampf für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit niemals fallenlassen werde.“ Das Gleiche, das machte er klar, gelte auch für das ungarische Volk.

Timmermans, das sagt er selbst von sich, ist sowohl Feminist als auch „patrio­tischer Europäer“. Feminismus hat für ihn nichts mit Männlichkeitsverlust zu tun, genauso wenig wie Patriotismus mit Nationalismus gleichzusetzen ist: „Ein Patriot liebt sein Land, er will anderen davon erzählen, aber er ist auch neugierig auf andere Länder. Ein Nationalist hasst andere Länder und er wird immer nach Feinden suchen – innerhalb und außerhalb seines Landes.“ Es passt zu diesem „patriotischen ­Europäer“, dass er seine Bewerbung als SPE-Spitzenkandidat in einer Kneipe in seiner Heimatstadt Heerlen bekannt gab, und nicht in Brüssel. Denn Europa, das ist für ­Timmermans nicht nur die EU, das ist nicht nur Brüssel – sondern vor allem etwas, das er im Herzen trägt.

Autor*in
Julia Korbik
Julia Korbik

studierte European Studies, Kommunikationswissenschaften und Journalismus in Deutschland und Frankreich. In Berlin arbeitet sie als freie Autorin und Journalistin. Twitter @FrauKorbik

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