Internationale Studie: So wird Deutschland in der Welt gesehen
imago/Arnulf Hettrich
Es ist das klassische Dilemma großer, einflussreicher Staaten: Die Welt beobachtet sie ganz genau, aber sie selbst schauen weniger genau in die Welt, erst recht nicht auf die vielen kleineren Staaten. Das mögen sich Großmächte wie die USA, China und Russland vielleicht noch erlauben können. Deutschland kann es nicht – ohne sich selbst schwer zu schaden. Denn die Bundesrepublik ist nicht nur das Land mit den meisten Nachbarstaaten in Europa. Sie ist zu klein, um die Politik in Europa selbst bestimmen zu können und zu groß, um abseits zu stehen und nur zuzuschauen. Das zeigt die Geschichte seit Jahrhunderten, besonders aber die des 20. Jahrhunderts.
Dass Deutschland aus der Geschichte gelernt hat, kann man auch daran festmachen, dass es genau hinschaut und hinhört, wenn es um sein Image in anderen Staaten geht, ganz besonders um sein Bild bei den europäischen Nachbarn. Ausdruck davon ist eine neue gemeinsame Studie der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH, des Goethe-Instituts und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Sie trägt den Titel „Außenblick – Internationale Perspektiven auf Deutschland in Zeiten von Corona“ und wurde am Donnerstag digital vorgestellt.
Lob und Kritik zu Deutschlands Corona-Management
In 37 Ländern wurden 622 Menschen online über ihr Bild von Deutschland befragt. Dazu gehören zum Beispiel Ägypten, Australien, Brasilien, China, Frankreich, Indien, Israel, Japan, Polen, Russland, die Türkei und die USA. Ganz aktuell wurde dabei auch nach dem Umgang Deutschlands mit der Corona-Pandemie befragt. Hier zeigte sich ein zweigeteiltes Bild: Die Befragten nahmen das Management der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 als effizient und vorbildlich wahr und lobten die deutsche Solidarität mit anderen Ländern. In der zweiten Corona-Welle gab es ein anderes Bild: Viele Befragte zeigten sich verwundert über die Probleme bei der Beschaffung, Logistik und Organisation der Impfkampagne.
Generell positiv betrachten die Studienteilnehmer*innen das politische System Deutschlands als eine stabile Demokratie mit rechtstaatlichen Prinzipien. Das Zusammenspiel verschiedener Interessensgruppen wird ebenfalls gelobt, ebenso die deutsche Wirtschaftskraft. Für die Teilnehmer*innen ist der Zugang zu Schulen und Universitäten eine große Stärke des deutschen Bildungssystems. Sie sehen ein vielfältiges kulturelles Angebot, das einer breiten Bevölkerung zugänglich sei. Auch die flächendeckende Krankenversicherung und die hochqualitative Versorgung werden gelobt. Das gilt ebenso für die Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus: Politik und Gesellschaft hätten ihre Lehren aus der Vergangenheit gezogen, sagen viele Befragte.
Der Wunsch nach einem offenen Deutschland
Kritisch sehen die Studienteilnehmer*innen dagegen die Defizite Deutschlands in seiner digitalen Infrastruktur, mangelhafte Rahmenbedingungen für unternehmerische Innovationen sowie akademische Hürden und ausgeprägte Hierarchien im Hochschulsystem, die als effektive Schwächen wahrgenommen werden. Auch in puncto Umweltschutz sehen die Teilnehmer*innen noch Nachholbedarf.
Mit Sorge schauen viele Befragte auf die Zunahme populistischer und extremistischer Tendenzen in Deutschland. „Kein anderer Risikobereich wird im Ausland in so vielfältiger Weise thematisiert“, so die Studie. Gesprächspartner*innen beschreiben, dass sie in den letzten Jahren während ihrer Aufenthalte in Deutschland weniger Toleranz und Freundlichkeit erlebten. Sie hatten verstärkt das Gefühl, nicht willkommen zu sein. Der Wunsch nach einem offenen Deutschland ist weltweit ausgeprägt. Die Befragten erhoffen sich „ein offenes Land und offene Herzen“, so ein Fazit der Studie.
Vorreiterrolle bei Umwelt- und Klimaschutz
Die Befragten schreiben Deutschland eine Vorreiterrolle zu in den Bereichen Umweltschutz, Klimawandel und Nachhaltigkeit. Sie verfolgen zudem aufmerksam die bevorstehende Bundestagswahl. Die Gesprächspartner*innen erhoffen sich hier sowohl Kontinuität als auch einen Aufbruch in der deutschen Politik.