Er ist wieder da. Thilo Sarrazin, der Berliner Ex-Finanzsenator, Buchautor und Zahlenfanatiker. Nachdem er 2010 mit „Deutschland schafft sich ab“ eine hitzige Debatte über Integration ausgelöst hat, kehrt er nun mit einem neuen Buch ins Rampenlicht zurück. „Europa braucht den Euro nicht“, heißt es. Ein provokanter Titel. Doch bei der Buchvorstellung am Dienstagmittag wird schnell klar: Wirklich Neues hat Sarrazin nicht zu sagen.
Natürlich sind sie gekommen: Scharen von Journalisten, Fotografen und Kameraleuten. Der Konferenzsaal im Berliner Hotel Adlon ist zum Bersten gefüllt, als Sarrazin das Podium betritt. Die Medien sind gespannt: Erleben sie jetzt den Auftakt zu einer Sarrazin-Debatte Teil zwei? Können sie ihre Redaktionen am Nachmittag mit einem Skandal beliefern?
Doch Stefan Homburg zerstört diese Hoffnungen schnell. Nein, dies sei kein Skandalbuch, sagt der Finanzwissenschaftler von der Uni Hannover zu Beginn der Pressekonferenz. Es sei aufklärerisch, faktenreich und gründlich recherchiert. Und aus der Sicht eines Wissenschaftlers müsse er sagen: Es enthält keine einzige „steile These“.
Die Holocaust-Provokation wirkt
Das stimmt so nicht ganz. Immerhin hat Sarrazin schon einen ersten medialen Aufschrei produziert. Dafür genügte ein einziger Satz aus seinem Buch, mit dem er die Euro-Rettungsschirme infrage stellt: „Soweit die deutsche Politik meint, aufgrund politischer Erwägungen wegen der deutschen Schuld am Zweiten Weltkrieg und am Holocaust besondere Opfer im Sinne einer ‚europäischen Solidarität‘ bringen zu müssen, sollte dies auch offen diskutiert ... werden.“
Während der Pressekonferenz am Dienstag spitzt er die Aussage noch mehr zu: Deutschland habe ein schlechtes Gewissen wegen seiner Stärke und seines Erfolgs, wolle diese teilen und sich dabei historischer Schuldgefühle entledigen. Euro-Rettungshilfen als Bußzahlungen für den Holocaust? Das ist natürlich blanker Unsinn. Auch die Befürworter der Rettungsschirme, auf die Sarrazin verweist, haben das so nie formuliert. Doch die Provokation sitzt, die Medien sind angesprungen.
Sarrazin beschreibt Probleme, nicht Lösungen
Doch was Sarrazin dann sagt, ist nicht viel mehr als eine Problembeschreibung. Die wachsenden Ungleichgewichte zwischen den Volkswirtschaften der Euro-Zone seien gefährlich, sagt er. Man könne die Finanzpolitik der Eurostaaten nicht wirksam kontrollieren, ohne sie ihrer Souveränität zu berauben. Es sei ein Fehler, die einen Staaten für die verfehlte Finanzpolitik anderer haften zu lassen. Warnungen vor den Risiken der Währungsunion seien ignoriert worden. Die Deutsche Mark habe sich über Jahrzehnte bewährt. Doch was folgt aus diesen Thesen? Darauf antwortet Sarrazin nur unter Vorbehalt: „Antworten sind nicht einfach richtig oder falsch, auch meine eigenen sind von Werturteilen geprägt“, sagt er.
Letztlich stellt er aber doch zwei Forderungen: Es dürfe keine weiteren Rettungsschirme und keine Transferunion geben, lautet die eine. Die andere: Finanzlöcher kriselnder Euro-Staaten dürften nicht von der Europäischen Zentralbank gestopft werden.
Viele Zahlen, wenig Erkenntnis
Dafür nimmt Sarrazin in Kauf, dass einzelne Staaten pleite gehen oder die Gemeinschaftswährung insgesamt scheitert. Der Euro sei so überflüssig wie ein vierter Anzug im Schrank, behauptet Sarrazin. Das unterstreicht er – wie man es von ihm kennt – mit einem Verweis auf die zahlreichen Statistiken in seinem Buch. Doch letztlich macht Sarrazin dabei nur eine spekulative Was-wäre-wenn-Rechnung auf. Die deutschen Exporte in die Euro-Zone seien mit der gemeinsamen Währung nicht gestiegen, doziert er. Aber die Frage bleibt offen: Wären sie ohne den Euro vielleicht sogar gesunken?
So bleibt Sarrazins Buch letztlich hinter den Debatten zurück, die in den vergangenen Monaten um die Euro-Krise geführt wurden. Der Autor provoziert, weil er sich gegen die Lösungsansätze der „offiziellen Politik“ richtet, wie er sie nennt. Doch überzeugende, gar innovative Alternativen hat er nicht zu bieten. Das merken auch die enttäuschten Journalisten im Hotel Adlon schnell. Selbst Professor Homburg, der dem Buch eben noch sein wissenschaftliches Gütesiegel verliehen hat, bemängelt: Es zeige keine Wege aus der Krise auf. Ein „Euro-Kochbuch“ sei es nicht.
arbeitet als Redakteur für die DEMO – die sozialdemokratische Fachzeitschrift für Kommunalpolitik.