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Zum Tode von Egon Bahr: „Ohne Frieden ist alles nichts“

In der Nacht zum Donnerstag ist Egon Bahr im Alter von 93 Jahren gestorben, ein großer Verlust für seine Freunde und für die SPD. Parteichef Sigmar Gabriel sagte in einer ersten Reaktion: „Ich werde Egon als Freund und Ratgeber sehr vermissen.“
von Renate Faerber-Husemann · 20. August 2015
Egon Bahr: Im Alter von 93 Jahren ist der große Sozialdemokrat gestorben.
Egon Bahr: Im Alter von 93 Jahren ist der große Sozialdemokrat gestorben.

Es war ein Glück für die deutsche Politik, dass Egon Bahr seinen Traum vom Musikstudium nicht verwirklichen konnte. „Adolf Hitler war schuld daran“, sagte er einmal. Bahr hatte eine jüdische Großmutter, und deshalb durfte er nicht studieren. Seine Freunde in der CDU hätten das immer bedauert, spottete er gern.

Wandel durch Annäherung

Vielleicht hätte es ohne sein schon Anfang der 60er Jahre entwickeltes Konzept vom „Wandel durch Annäherung“ die Wiedervereinigung so – relativ – reibungslos nicht gegeben. Seine „Politik der kleinen Schritte“, erdacht nach dem Mauerbau, um den Berlinern wenigstens kleine menschliche Erleichterungen zu verschaffen, hat letzten Endes zur Aushöhlung des Regimes geführt.

Egon Bahr, Schlüsselfigur bei den Verhandlungen über die Ostverträge und Architekt des Grundlagenvertrages war – so sagte er über sich selbst – „eine umstrittene Figur der Zeitgeschichte“. Zusammen mit seinem Chef und persönlichen Freund, Bundeskanzler Willy Brandt, war er der Meinung, die Politik der Stärke sei gescheitert, also brauche man andere Instrumente, um das Leben der Menschen in Ost und West etwas leichter zu machen. Misstrauen schlug Egon Bahr auf seinem riskanten Weg nicht nur vom Westen entgegen. In der DDR-Spitze bezeichnete man die von ihm entwickelte Politik als „Aggression auf Filzlatschen“.

Das Glück der Wiedervereinigung

Nie hätte Egon Bahr geglaubt, dass er die Wiedervereinigung noch erleben könnte. Und das Staunen darüber, dass seine politischen Träume sich tatsächlich erfüllt haben, hat nie aufgehört. Etwa, wenn er auf einem Bahnsteig am Bahnhof Zoo oder am Hauptbahnhof stand und Züge aus Leipzig oder Magdeburg, aus Rostock oder Potsdam angekündigt wurden. „Wenn ich durch das Brandenburger Tor gehe, empfinde ich immer noch das Gefühl des Glücks. Wir haben Schwein gehabt.“

Egon Bahr sagte von sich selbst, als Chefredakteur des RIAS und als Sprecher des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt sei er ein kalter Krieger gewesen. Für ihn war das die normale Gefühlslage eines Westberliners in der immer wieder von den Sowjets bedrohten geteilten Hauptstadt.

Bahrs beste Jahre: Brandts Kanzlerschaft

Seine – politisch – besten Jahre waren für ihn 1969 bis 1972, die ersten Kanzlerjahre Brandts: „Ich habe das wie einen Rausch empfunden, es war ein Arbeitsrausch. Wir haben wenig geschlafen, wir haben viel gearbeitet. Und vor allen Dingen hatten wir zu erproben, was wir uns vorher ausgedacht hatten. Es war die leidenschaftlichste politische Grundsatzdiskussion in der ganzen Geschichte der Bundesrepublik bis heute.“

1974 war es vorbei. Willy Brandt trat zurück: wegen des Spions im Kanzleramt oder auch, wie Egon Bahr stets glaubte, wegen der Intrigen Herbert Wehners.

Mehr Denker als Macher

Bahr übernahm das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, wo er fortsetzte, was sein Vorgänger Erhard Eppler begonnen hatte, nämlich ein intensives Engagement für Afrika. 1977 ließ er sich überreden, Bundesgeschäftsführer der SPD zu werden, für beide Seiten keine wirklich glückliche Entscheidung, denn Bahr war stets mehr Denker, Analytiker als Macher. Erleichtert zog er sich 1981 auf den Posten des Direktors des Hamburger Instituts für Friedens- und Konfliktforschung zurück und blieb dort bis 1994. Der Satz des Freundes Willy Brandt „Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts“, wurde Egom Bahr zum Lebensmotto.

Willy Brandt, der stets Distanzierte, hat ihn kurz vor seinem Tod seinen einzigen Freund genannt. Für Egon Bahr war das eine Auszeichnung: „Ich hatte das nicht geahnt. Aber ich fand mich ihm verwandt. Man konnte ihm nur näher kommen, wenn man ihm nicht zu nahe kam. Ich bin ähnlich.“

Egon Bahr war schon weit über 80, als er einmal gefragt wurde, ob er sich nicht endlich ein bisschen mehr Ruhe gönnen wolle. Seine Antwort blieb gültig bis zu seinem plötzlichen Tod in der vergangenen Nacht: „Ich will Ihnen mal was sagen, das werden Sie auch noch erleben: Das Gehirn steht nicht still.“

Wie das Netz um Egon Bahr trauert

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Autor*in
Renate Faerber-Husemann

(† 2023) war freie Journalistin in Bonn und Erhard-Eppler-Biografin.

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