Inland

Tarifabschluss zwingt Krankenhäuser zum Sparen

von Karsten Wiedemann · 18. August 2006
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In einem 30-stündigen Verhandlungsmarathon einigten sich der Marburger

Bund und die kommunalen Arbeitgeber auf einen Tarifvertrag für die Ärzte an

kommunalen Kliniken. Es ist der erste Tarifvertrag für diese Ärztegruppe.

Demnach bekommen die rund 70 000 Mediziner an kommunalen Kliniken

künftig zwischen 1,5 und 13 Prozent mehr Lohn. Für einen Assistenzarzt gibt es

künftig ein Einstiegsgehalt von 3420 Euro, ein leitender Oberarzt bekommt 6500

Euro. Die Löhne im Osten werden schrittweise angeglichen. Bis zum 1. Juli

2007 erreichen sie 97 Prozent des Westniveaus.

Zudem werden Bereitschaftsdienste der Mediziner besser bezahlt und die

Arbeitszeiten begrenzt. Statt bisher maximal 32 Stunden, dürfen nun wochentags

höchstens 18 Stunden, an Wochenenden und in Ausnahmefällen bis zu 24

Stunden gearbeitet werden. Für Ost und West gilt die 40-Stunden-Woche.

Unterschiedliche Reaktionen

Der Chef des Marburger Bunds, Frank Ulrich Montgomery, bewerte den

Tarifabschluss positiv. Es gebe zwar "keinen Grund zu überschwänglichem

Jubel", die Ärzte könnten aber zufrieden sein. Der Abschluss sei ein

Kompromiss, "der beiden Seiten wehtut".

VKA-Verhandlungsführer Otto Foit äußerte sich indes kritischer. Foit sprach von

einem "aufgezwungenen Kompromiss", der für manche Kliniken "die

Existenzfrage verschärfen wird". Allerdings sei das Ziel erreicht worden, den

Flächentarifvertrag für kommunale Kliniken zu erhalten.

Für die kommunalen Kliniken bedeutet der Tarifabschluss weitere finanzielle

Belastungen. Foit bezifferte die Mehrkosten auf rund 500 Millionen Euro. Der

Bundesverband der Betriebskrankenkassen geht sogar von 1,4 Milliarden Euro

aus. Durch die Gesundheitsreform wird den kommunalen Kliniken bereits ein

Sanierungsbeitrag von 750 Millionen Euro abverlangt.

Kliniken vor dem aus?

Der Präsident der deutschen Krankenhausgesellschaft, Rudolf Kösters, sieht

den Tarifabschluss entsprechend kritisch. Die Kliniken müssten nun noch für

die Ärzte sparen, wo doch schon Gesundheitsreform und die

Mehrwertsteuererhöhung die Kliniken belasteten. Dies führe insgesamt zu

Zusatzausgaben von fünf Milliarden Euro. Dass alle kommunalen Kliniken

diesen Belastungen standhalten, ist unwahrscheinlich.

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, Stephan Articus,

kritisierte, die höheren Kosten seien "für manche Klinik kaum tragbar". Er

forderte die Bundesregierung auf, den für die Gesundheitsreform geforderten

Sanierungsbeitrag zurückzunehmen. "Die Bundespolitik darf nicht davor die

Augen verschließen, dass die Träger kommunaler Krankenhäuser einen

Sicherstellungsauftrag für die Krankenversorgung haben, der immer schwerer

zu erfüllen ist", sagte Articus.

Marburger Bund gestärkt

Mit dem Tarifabschluss hat die Ärztegewerkschaft Marburger Bund ein wichtiges

Ziel erreicht: einen eigenen Tarifvertrag für Ärzte. Im Oktober letzten Jahres war

der Marburger Bund aus der Tarifunion mit der Dienstleistungsgewerkschaft

Ver.di ausgestiegen, weil er den neuen Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst

(TVöD) ablehnte. Seitdem wurde separat verhandelt und gestreikt. Vor rund zwei

Monaten schloss die Ärztegewerkschaft einen Tarifvertrag für die Ärzte an

Unikliniken, der deutliche Lohnzuwächse für die Mediziner beinhaltete.

Mit dem Tarifvertrag für die Ärzte an kommunalen Kliniken verbucht der

Marburger Bund nun einen weiteren Erfolg und festigt damit seinen

Alleinvertretungsanspruch für die Mediziner in Deutschland. "Über Ver.di

brauchen wir nicht mehr zu sprechen. Die Ärzte haben endlich erreicht, dass sie

ihre beruflichen Belange selbst in die Hand nehmen", sagte MB-Chef

Montgomery am Donnerstag.

Karsten Wiedemann

Quellen: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Tageszeitung, Süddeutsche

Zeitung, Der Tagesspiegel, Frankfurter Rundschau (18. August 2006)

www.marburger-bund.de, www.vka.de, www.staedtetag.de, www.dkgev.de

Autor*in
Karsten Wiedemann

Redakteur bei vorwaerts.de bis September 2009, jetzt Redakteur bei Neue Energie, dem Magazin des Bundesverbands für Windenergie

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