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Nach Hartz IV: „Ein wunderbares Gefühl, wieder gebraucht zu werden“

Andrea Gumprich lebte viele Jahre von Hartz IV. Über das Teilhabechancengesetz hat sie nun eine Stelle gefunden. Unter dem Motto „lieber Arbeit, statt Arbeitslosigkeit finanzieren“ erhielt sie einen Job, der bis zu fünf Jahre gefördert wird.
von Silke Hoock · 28. February 2019

Andrea Gumprich hatte nie einen festen Job, lebte seit Jahren von Hartz IV. Das Teilhabe­chancengesetz ermöglicht ihr nun fünf Jahre lang eine feste Stelle im ersten ­Arbeitsmarkt. „Man soll die Hoffnung nie aufgeben. Für mich ist das ein Sechser im Lotto“, sagt die 48-Jährige, die ihre berufliche Perspektive abgeschrieben hatte. Nach einer Ausbildung zur Damenschneiderin und einer abgebrochenen Umschulung hangelte sie sich von Maßnahme zu Maßnahme. „Die meisten machten wenig Sinn, qualifizierten für nichts.“ Andrea Gumprich hatte sich auf ein Leben im Hartz-IV-Bezug eingestellt, obwohl sie wöchentlich Bewerbungen schrieb. Die 416-Euro-Hartz-Regelleistungen pro Monat waren ihre einzige verlässliche Einnahme – und das seit 15 Jahren.

Raus aus Hartz IV

Doch jetzt wird alles anders. Seit wenigen Tagen hat Andrea Gumprich über das Teilhabechancengesetz eine Stelle gefunden. Bei einem Dortmunder Cateringbetrieb wird sie fortan als Bürohilfe eingesetzt. Sie bekommt eine neue Chance, wieder Fuß zu fassen auf dem Arbeitsmarkt und ein geregeltes Einkommen aus eigener Kraft zu erzielen. „Es ist ein wunderbares Gefühl, endlich wieder gebraucht zu werden und nicht mehr von der Stütze zu leben“, sagt sie.

Andrea Gumprich steht beispielhaft für die Menschen, für die das Gesetz gemacht wurde: Leistungen bekommt, wer sieben Jahre nicht oder nur kurz regulär beschäftigt war und wer schon sechs Jahre in Hartz IV steckt. Der Staat zahlt bis zu fünf Jahre lang den Lohn auf Basis des Mindestlohns – die ersten zwei Jahre hundert Prozent, dann jedes Jahr zehn Prozentpunkte weniger. Am Ende ist die Übernahme ohne Förderung das Ziel, aber vor allem auch die soziale Teilhabe.

Lieber Arbeit finanzieren

Laut Koalitionsvertrag sollen insgesamt bis zu 150.000 Menschen davon profitieren, vier Milliarden Euro stellt die Bundesregierung den Jobcentern zur Verfügung bis 2022. Zwar kommen theoretisch 570.800 Hartz-IV-Empfänger für die geförderten Jobs in Frage. Laut Bundesagentur für Arbeit könne aber nur etwa einer von zehn eine solche Beschäftigung aufnehmen. Begründung: Oft gebe es zu viele Hindernisse, wie gesundheitliche Probleme.

Frank Neukirchen-Füsers, Leiter des Jobcenters Dortmund und Verfechter von „lieber Arbeit, statt Arbeitslosigkeit finanzieren“ beschreibt den Unterschied zu früheren Förderprogrammen so: Frühere Programme waren auf zwei bis drei Jahre begrenzt. Die Beschäftigungsmöglichkeiten waren häufig im öffentlichen Sektor angesiedelt, mussten das Kriterium der Zusätzlichkeit erfüllen und entfernten sich zunehmend von Arbeitsplätzen auf dem ersten Arbeitsmarkt. Nach Auslaufen der Förderung konnten die Menschen meist nicht weiter beschäftigt werden. „Über die neuen Fördermöglichkeiten hoffen wir nun, dass sich die Menschen in privatwirtschaftlichen Betrieben beweisen können und auch nach Auslaufen der Förderung unersetzbar geworden sind und eine dauerhafte Beschäftigungsperspektive erhalten.“

Langzeitarbeitslose fit machen

Das wirklich Neue an diesem Gesetz ist, dass Stellen gefördert werden, die benötigt werden. Daher haben die Jobcenter vor Ort Gespräche mit Arbeitgebern geführt, um deren Bedarfe abzufragen. In Dortmund stieß man beim Caterer Jürgen Mohr, der 38 Angestellte beschäftigt und dringend neue Kräfte sucht, auf großes Interesse. „Ich brauche Menschen, die mich dauerhaft entlasten. Die Förderung durch das Gesetz nimmt den Druck von allen Beteiligten. Beide Seiten wachsen in ihre Rolle hinein“, sagt der Unternehmer. Er macht Andrea Gumprich Mut: „Sie hat alle Zeit der Welt.“ Zeit, um Ablage und Telefon im Büro zu handhaben. Zeit, um zu lernen, wie man einen Auftrag bearbeitet und Rechnungen schreibt.

Damit das tatsächlich gelingt, werden sowohl die Unternehmer als auch die vermittelten Langzeitarbeitslosen berufsbegleitend vom Jobcenter gecoacht. Denn Menschen, die viele Jahre nicht gearbeitet haben, müssen sich erst wieder an geregelte Abläufe und Zeiten gewöhnen. „Der Wechsel von der Arbeitslosenwelt in die Arbeitswelt ist nicht profan und gerade zu Beginn tauchen Probleme auf, bei deren Lösung man Unterstützung braucht“, so Frank Neukirchen-Füsers. Die Berater der Jobcenter stehen zudem auch bei Fragen der Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen, Schuldnerberatung zur Seite.

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