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Inland

Global gedacht von Rafael Seligmann

von Rafael Seligmann · 25. April 2012
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Australien wird das Gros seines Truppenkontingents aus Afghanistan bis Ende 2013 abziehen. Ein Jahr früher als geplant. Als Grund gibt Premierministerin Julia Gillard an, die Provinzen, in denen die Aussies Dienst tun, wären weitgehend befriedet. Das ist Unsinn. Es gibt in ganz Afghanistan, einschließlich der Hauptstadt Kabul, keinen Fleck, in dem man sich dauerhaft ungefährdet bewegen könnte. 

Wahlen als Grund für den Abzug

Westliche Geheimdienste, unabhängige Beobachter und Militärs sind sich einig, dass die afghanische Armee nicht in der Lage ist, ihr Land ohne die Hilfe der ISAF gegen die Taliban zu verteidigen – und diese Fähigkeit auch nicht im kommenden Jahr erlangen wird, wenn der Abzug der US-Truppen im großen Maß einsetzen wird.    

Der wahre Grund des vorzeitigen Abzugs der australischen Soldaten aus Afghanistan sind die bevorstehenden Wahlen in Down Under. Die militärische Intervention wird in Australien, das selbst in Vietnam an der Seite Amerikas stand, zunehmend unpopulär. Ähnlich verhält es sich in fast allen Staaten, welche die Kontingente der ISAF stellen. In keinem demokratischen Land befürwortet eine Mehrheit den Kampf ihrer Grenadiere in Afghanistan. Schon gar nicht in Deutschland. 

Das Beste aus der Situation machen

Man muss kein Clausewitz sein, um zu erkennen, dass dieser Waffengang verloren ist – wie einst für die Russen und Briten. Dennoch wird am Hindukusch weiter gekämpft, gestorben, werden Milliarden verpulvert. Eine Ursache ist das einstige Gerede des Präsidentschaftskandidaten Obama vom „gerechten Krieg“ in Afghanistan – womit er seinen Patriotismus unterstreichen wollte. Gegenwärtig versucht er es erneut. Und Deutschland zieht bei dem vergeblichen Unterfangen wider besseres Wissen mit.

Es ist Zeit, dass die westlichen Regierungen Tabula rasa machen und ehrlich zugeben, was ohnehin feststeht: Der Waffengang in Afghanistan ist ungewinnbar. Nun gilt es, das Beste aus der Situation zu machen. Also in Gesprächen mit Pakistan und den verhandlungsbereiten Kräften der Taliban eine diplomatische Lösung zu erzielen. Afghanistan wird dabei keine Musterdemokratie werden, doch ein Mindestmaß an Menschenrechten, besonders für die zuvor vollständig unterdrückten Frauen, soll garantiert werden. Mehr ist nicht möglich.

Autor*in
Rafael Seligmann

ist ein deutsch-israelischer Schriftsteller, Publizist, Politologe und Zeithistoriker.

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