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Gedenkfeier in Berlin: „Egon Bahr war mein Freund.“

Bei einer Gedenkfeier in Berlin haben am Donnerstag Familie, Freunde und Wegbegleiter Abschied von Egon Bahr genommen. Alle Redner hoben Bahrs unermüdlichen Einsatz für den Frieden hervor. Den emotionalen Schlusspunkt setzte Henry Kissinger.
von Kai Doering · 17. September 2015
Gedenkfeier Egon Bahr
Gedenkfeier Egon Bahr

Es sind oft die kleinen Dinge, die Großes bewirken. Kaum jemand hat das besser gewusst als Egon Bahr, waren es doch die kleinen Schritte, der „Neuen Ostpolitik“ und des „Wandels durch Annäherung“, die zuerst das Verhältnis der Bundesrepublik zur Sowjetunion entspannten und schließlich zur Wiedervereinigung führten.

Die kleinen Dinge sind es auch, die bei der Gedenkfeier für den in der Nacht zum 20. August verstorbenen Bahr Wirkung entfalten. Da ist das „Dona nobis pacem“ aus der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach, die Bahrs lebenslangen Einsatz für den Frieden unterstreicht. Es erklingt gleich zweimal in der Berliner Marienkirche schräg gegenüber des Roten Rathauses – einmal vierstimmig gesungen und zum Ausklang auf der Orgel gespielt.

Da sind aber auch die Klavierstücke von Edvard Grieg und Dimitri Schostakowitsch, die von Yulyia Drogalova gespielt werden. Sie stammt aus der Ukraine, dem Land also, das seit eineinhalb Jahren einen blutigen Konflikt mit Russland austrägt.

Bahrs „Politik der intelligenten Feindesliebe“

„Egon Bahr hielt sich stets an eine Hoffnung, die über den Tag hinausreicht“, erinnert der frühere Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, in seiner Andacht vor einigen Hundert versammelten Gästen, unter ihnen Bahrs Witwe Adelheid, Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder und Ex-Bundespräsident Horst Köhler.

Wolfgang Huber zitiert aus dem Matthäus-Evangelium: „Liebet Eure Feinde.“ Egon Bahr habe stets eine „Politik der intelligenten Feindesliebe“ betrieben und gewusst: „Wer dauerhaften Frieden will, zieht die Sicherheitsinteressen des anderen genauso in Betracht wie seine eigenen.“

Egon Bahr habe gewusst: „Man muss den Status quo anerkennen, um ihn zu verändern“, sagt Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller. Denn trotz des freundlichen Umgangs mit der Sowjetunion sei Bahr stets ein „überzeugter Patriot gewesen, der immer an der deutschen Einheit festhielt“. Noch heute sei in vielen Berliner Familien präsent, „was Egon Bahr, Klaus Schütz und andere an der Seite Willy Brandts erreicht haben“.

„Bis zum letzten Atemzug Sozialdemokrat“

Egon Bahrs „kongeniale Freundschaft und Zusammenarbeit mit Willy Brandt“ würdigt auch SPD-Chef Sigmar Gabriel. Er lobt Bahrs „historischen Mut“ und sein Verdienst, „Deutschland zu einem guten Nachbarn in Europa“ gemacht zu haben. Gabriel hebt aber auch Bahrs Bedeutung für die SPD hervor, der zwar durchaus mit seiner Partei gehadert habe, letzten Endes aber „bis zum letzten Atemzug Sozialdemokrat“ gewesen sei. Nicht umsonst sei Bahr fast jeden Tag in sein Büro in der vierten Etage des Willy-Brandt-Hauses gekommen, um Texte zu aktuellen politischen Fragestellungen zu verfassen.

Den emotionalen Schlusspunkt der Gedenkfeier setzt Henry Kissinger. „Egon Bahr war mein Freund“, sagt der frühere amerikanische Außenminister, selbst schon 92 Jahre alt, mit leicht brüchiger Stimme. Kissinger und Bahr kannten sich seit 50 Jahren. 1965 trafen sie sich zum ersten Mal in Harvard. Aus einer zunächst skeptischen Haltung entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. „Waffenkontrolle war das Dauerthema unserer Gespräche“, erinnert sich Kissinger.

Auch nachdem beide aus der aktiven Politik ausgeschieden waren, trafen sich Kissinger und Bahr regelmäßig. Dazwischen schrieben sie sich Briefe. „Bei praktisch jedem meiner Berlin-Besuche haben wir uns gesehen“, erzählt Kissinger, „zuletzt vor drei Monaten im Hotel Adlon.“ Damals hätten sie über die Ukraine-Krise gesprochen, erinnert sich Kissinger. „Ohne die Gespräche mit Egon wird die Welt leerer für mich sein.“

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Autor*in
Kai Doering
Kai Doering

ist stellvertretender Chefredakteur des vorwärts. Er betreut den Bereich Parteileben und twittert unter @kai_doering.

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