Inland

Fachkräftemangel: Wie zwei junge Tunesier bei der Bahn durchstarten

In Deutschland fehlen Fachkräfte. Kann Anwerben aus dem Ausland die Lösung sein? SPD-Entwicklungsministerin Svenja Schulze stellt ein Pilotprojekt vor, in dem am Dienstag zwei Auszubildende aus Tunesien die Hauptrolle spielen.
von Vera Rosigkeit · 11. Oktober 2022
Svenja Schulze mit Auszubildenden
Svenja Schulze mit Auszubildenden

Soufien Daly und Oussem Jebeur sind nicht nur neu in Deutschland, sondern auch neu bei der Deutschen Bahn AG. Seit dem 1. September absolvieren der 23-jährige Daly und der 25-jährige Jebeur eine Ausbildung zum Elektroniker für Betriebstechnik in Offenburg. Beide kommen ursprünglich aus Tunesien. Am Dienstag stehen sie in der Zentrale Betriebsverfahren der DB Netz AG in Berlin-Friedrichshain gemeinsam mit Bundesentwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD) und DB-Personalvorstand Martin Seiler auf dem Podium.

Wie Fachkräfte aus dem Ausland gewinnen?

Denn Daly und Jebeur sind Auszubildende im Rahmen eines Pilotprojekts des Entwicklungsministeriums, an dem auch die Bahn beteiligt ist. Dabei geht es um die faire Gewinnung von Fachkräften und Azubis aus Nordafrika. Für Svenja Schulze stehen Daly und Jebeur für einen Neuanfang in der Integrationspolitik und sind konkretes Beispiel dafür, den Mangel an Fachkräften in Deutschland „zu minimieren“. Denn der sei bereits „so dramatisch, dass er Wirtschaftskraft und Wohlstand in Deutschland bedroht“, erklärt die SPD-Politikerin. Zuwanderung könne neben Aus- und Weiterbildung ein Teil der Lösung dieses Fachkräftemangels sein. Entwicklungsländern in Afrika hingegen falle es schwer, ausreichend Jobs für ihre junge Bevölkerung zu schaffen. „Wenn wir zusammenarbeiten, haben alle etwas davon“, ist Schulze überzeugt. Migrant*innen bekämen einen guten Job, die Herkunftsländer Ausbildung, Wissenstransfer und Entlastung ihrer Arbeitsmärkte und „wir in Deutschland die dringend benötigten Fachkräfte“.

Die Chefin der Bundesagentur für Arbeit untermauert diese Aussagen mit konkreten Zahlen: „Wir brauchen Zuwanderung im Umfang von rund 400.000 Menschen pro Jahr, um die Fachkräftelücke in Deutschland zu heben“, erklärt Andrea Nahles. Sie freue sich, dass die Deutsche Bahn die Türen aufgemacht hat und sich kümmere. Wenn man Menschen aus anderen Ländern anwerbe, müsse man jedoch die soziale Situation der jungen Leute genauso ernst nehmen, sagt sie. Es sei wichtig, „eine faire Zuwanderung zu organisieren“.

DGB fordert gute Arbeitsbedingungen

Für DGB-Chefin Yasmin Fahimi könnte sich Fach- und Arbeitskräftemangel zur „Bremse Nummer eins für die Transformation“ entwickeln. Schon seit längerer Zeit steuere man auf diese Situation zu. „Deshalb brauchen wir zusätzliche Anwerbung aus dem Ausland, in beinahe allen Branchen“, so Fahimi. Sie weist jedoch auch auf strukturelle Probleme auf dem Arbeitsmarkt hin und fordert, prekäre Beschäftigung in Deutschland zurückzudrängen. Neben Fachkräftemangel herrsche gleichzeitig Arbeitslosigkeit. Aktuell gebe es 2,3 Millionen junge Menschen unter 35 Jahren ohne Berufsausbildung. Ein Potenzial, dass wir „mobilisieren könnten“, betont Fahimi. Andererseits würden rund 30 Prozent der Erwerbstätigen in den kommenden Jahren in Rente gehen. Sie unterstütze das Projekt als ein gutes Beispiel für eine faire Anwerbung von Fachkräften in gute Arbeitsbedingungen.

Fachkräftestrategie im Kabinett

Tatsächlich soll das Pilotprojekt der Europäischen Union (EU) Pionierarbeit leisten, um künftig größere Lösungen zu entwickeln, so stellt es Svenja Schulze vor. Es ist ein Beispiel für die Fachkräftestrategie, die am Mittwoch im Bundeskabinett beschlossen werden soll. Das Projekt „THAMM“ berät und schult die Arbeitsagenturen in Tunesien, Marokko und Ägypten und verknüpft sie mit den Arbeitsagenturen in Belgien, Frankreich und Deutschland. So sind die Agenturen besser in der Lage, Fachkräfte mit Migrationswunsch mit europäischen Unternehmen zusammenzubringen.

Für Martin Seiler, Personalvorstand der Deutschen Bahn, werden ausländische Fachkräfte immer wichtiger „für uns und andere Unternehmen im Land“. Er begrüßt die Unterstützung von Entwicklungsministerium und Arbeitsagentur, gute Fachkräfte zu vermitteln und nach Deutschland zu holen. „Vor unseren tunesischen Azubis, die mit Mitte zwanzig mit einem One-Way-Ticket hierhergekommen sind, habe ich den allerhöchsten Respekt“, betont er und versichert, „sie optimal zu integrieren und zu qualifizieren“.

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Vera Rosigkeit

hat Politikwissenschaft und Philosophie in Berlin studiert und ist Redakteurin beim vorwärts.

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