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Alexander Jorde: Außer Applaus wurde für Pflegefachkräfte während Corona nichts getan

Sie werden als Held*innen gefeiert, doch die Situation von Pflegekräften hat sich in der Corona-Krise nicht verbessert, kritisiert Alexander Jorde. Im Interview sagt der Pfleger, was sich ändern muss und warum das deutsche Gesundheitssystem nicht so robust ist, wie es scheint.
von Kai Doering · 15. Juni 2020
Pfleger Alexander Jorde: Mich stört insgesamt die Prioritätensetzung bei den getroffenen Corona-Maßnahmen.
Pfleger Alexander Jorde: Mich stört insgesamt die Prioritätensetzung bei den getroffenen Corona-Maßnahmen.

Wie fühlt es sich an, ein „Corona-Held“ zu sein?

Mit dieser Bezeichnung kann ich nicht viel anfangen, weil ich mich nicht als Held fühle und ich bin mir sicher, dass es den meisten meiner Kollegen genauso geht. Ich finde den Begriff sogar problematisch, weil damit suggeriert wird, dass es für uns Pflegekräfte in der Corona-Krise selbstverständlich ist, dass wir über unsere Kräfte hinausgehen und mehr leisten als wir können. Der Begriff schafft eine Erwartungshaltung, die Druck aufbaut, der niemandem guttut.

Auf dem bisherigen Höhepunkt der Krise haben Menschen für Pfleger*innen auf Balkonen applaudiert. In einigen Städten durften Pflegekräfte kostenlos mit Bussen und Bahnen fahren. Wie haben Sie das empfunden?

Wahrscheinlich kommt es darauf an, wo man lebt. Da wo ich wohne, hat niemand geklatscht. Dass aus der Bevölkerung in den letzten Wochen sehr viel Solidarität gekommen ist, habe ich aber natürlich mitbekommen. Das freut mich auch, aber eigentlich ist es auch nichts Neues. Wenn über die Situation in der Pflege berichtet wird, gibt es eigentlich niemanden, der meint, dort sei alles in Ordnung. Die Menschen wissen sehr genau, was alles im Argen liegt. Da sind sie vielfach weiter als so mancher Politiker. Ich möchte gar nicht hören, wie toll und wichtig die Arbeit ist, die wir leisten. Ich möchte bessere Arbeitsbedingungen und bessere Löhne. Mit Worten allein ist es da nicht getan.

In diesem Jahr wird es eine steuerfreie Corona-Prämie in Höhe von 1.500 Euro für Beschäftigte in der Altenpflege geben. In der Krankenpflege gibt es sie nicht flächendeckend. Warum nicht?

Die Frage habe ich mir auch schon öfter gestellt. Rein praktisch könnte es daran liegen, dass Langzeitpflege und Krankenhaus zwei unterschiedliche Systeme sind, die aus verschiedenen Versicherungen bezahlt werden. Davon abgesehen halte ich die Corona-Prämie aber auch in der Altenpflege für zu wenig. Natürlich freut sich erstmal jeder über 1.500 Euro zusätzlich und die Kolleginnen und Kollegen in der Altenpflege haben sie auch absolut verdient. Ich hätte es aber sinnvoller und auch nachhaltiger gefunden, wenn in der Corona-Krise eine zusätzliche Stundenvergütung geschaffen worden wäre. Sie wäre eine Anerkennung für geleistete Arbeit und gleichzeitig ein Anreiz, auch in Zukunft mehr zu arbeiten. Denn auch wenn sich die Corona-Situation im Moment zu stabilisieren scheint, steht den Krankenhäusern in den kommenden Monaten viel Arbeit bevor, weil viele Operationen, die aufgrund der aktuellen Notsituation verschoben wurden, nun nachgeholt werden müssen. Mit einer einmaligen Prämie schafft man keinen Anreiz, mehr zu arbeiten. Und wenn man die Summe etwa mit Sonderzahlungen in der Automobilbranche vergleicht, sind 1.500 Euro auch eher ein schlechter Witz.

Bräuchte es einen flächendeckenden Tarifvertrag, um die Bezahlung grundsätzlich zu verbessern?

Der wird oft als eine Art Allheilmittel gesehen, würde aber nur einen Teil der Probleme lösen. In der Altenpflege wäre ein flächendeckender Tarifvertrag sicher sinnvoll und wichtig. Bei den Krankenhäusern gibt es aber heute schon kaum eine Einrichtung, die keinen Tarifvertrag hat. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass unsere Bezahlung gut ist. Mir fehlt da leider häufig die Differenzierung. Politiker tun so als würden alle profitieren, wenn man etwas für „die Pflege“ tut. Aber die Pflege gibt es nicht, sondern sehr viele unterschiedliche Bereiche mit unterschiedlichen Problemen und Anforderungen.

Sie haben kritisiert, dass der Pflegebereich im Konjunkturpaket der Bundesregierung nicht vorkommt. Was hätten Sie erwartet?

Mich stört insgesamt die Prioritätensetzung bei den getroffenen Corona-Maßnahmen. Da werden wir als Pflegekräfte in Reden über den grünen Klee gelobt, wie wichtig wir und unsere Arbeit sind. Aber wenn es darum geht, ob und wie wir in konkreten politischen Maßnahmen vorkommen, sieht es ganz anders aus. Das nervt und frustriert mich. Ich habe den Eindruck, jedem wird in irgendeiner Form geholfen, nur wir gehen am Ende wieder leer aus. Und wenn sich dann noch Frau Merkel hinstellt und sich selbst dafür lobt, wieviel mehr Geld zurzeit in die Pflege fließe, werde ich wirklich wütend. Es wird dabei suggeriert, dass durch Mehrausgaben mehr in Personal investiert würde, aber das ist nicht der Fall. Zumal die Mehrausgaben dadurch zustande kommen, dass einfach mehr Menschen Pflege bedürfen. Am Ende muss sich die Bundesregierung eingestehen, dass während der gesamten Corona-Krise nichts für die Pflegefachkräfte getan wurde außer zu applaudieren.

Das deutsche Gesundheitswesen wird dafür gelobt, dass es sich bisher als sehr krisenfest erwiesen hat. Überrascht Sie diese Robustheit?

Die Frage ist ja, ob es wirklich am Gesundheitssystem liegt, dass wir in Deutschland weniger Tote zu beklagen haben als in anderen Ländern – oder nicht eher an den getroffenen Maßnahmen, die die Ausbreitung des Corona-Virus beschränkt haben. In Italien etwa waren ja schon viel mehr Menschen erkrankt und das Virus hatte sich schon deutlich stärker ausgebreitet als wir in Deutschland Maßnahmen zur Eindämmung ergriffen haben. Da konnten wir stark von den italienischen Erfahrungen profitieren und die Infektionskette deutlicher früher unterbrechen.

Trotzdem wird immer auf die Leistungsfähigkeit des deutschen Gesundheitssystems hingewiesen, etwa auf die große Anzahl von Intensivbetten.

Das stimmt. Deutschland hat im internationalen Vergleich viele Plätze im Intensivbereich und auch viele Beatmungsgeräte. Allerdings wird bei alle den Lobhymnen schnell vergessen, dass es für die Patienten in den Betten auch Pflegepersonal braucht. Und da werden die Zahlen schnell düster. Bei der Frage, wie viele Patienten durchschnittlich von einer Pflegefachperson betreut werden, liegt Deutschland auf den hinteren Plätzen. Die Niederlande, Frankreich, Polen und Großbritannien haben alle einen besseren Pflegeschlüssel als wir in Deutschland. Natürlich kann man in jedes Bett einen Intensivpatienten legen, aber das bedeutet noch lange nicht, dass er auch adäquat betreut werden kann. Nicht ohne Grund wurden die Untergrenzen in der Patientenbetreuung gleich zu Beginn der Corona-Krise ausgesetzt. Darüber wird leider viel zu wenig gesprochen.

Welche Lehren sollte die Bundesregierung aus der Corona-Krise ziehen?

Das wichtigste Ziel muss sein, dauerhaft ausreichend gut ausgebildetes Pflegepersonal zu haben. Dafür muss einiges getan werden, beginnend mit der Ausbildung bis hin zur Bezahlung. In den USA zum Beispiel gibt es Bundesstaaten, in denen Pflegekräfte mehr als 100.000 Dollar pro Jahr verdienen. In Luxemburg sind es zwischen 80.000 und 90.000 Euro im Jahr. Von solchen Dimensionen können wir in Deutschland nur träumen. Da ist es kein Wunder, dass viele Kolleginnen und Kollegen entweder den Job oder das Land verlassen. Neben der Bezahlung ist eine gute Personalbemessung essenziell, um die Arbeitsbelastung nicht ins Unermessliche zu steigern und die Patienten nicht zu gefährden. Und wir sollten ein System schaffen, in dem Krankenhäuser, die es schaffen, den optimalen Personalschlüssel zu halten, finanziell belohnt werden und die, die es nicht schaffen, sanktioniert werden. Und schließlich bin ich mir sicher, dass man mehr Menschen für den Pflegeberuf begeistern kann, wenn neben der Ausbildung auch mehr Möglichkeiten über ein Studium in den Beruf zu gelangen geschaffen werden, wie es international üblich ist. All das kostet natürlich Geld, aber das ist eine Investition, die wir dringend brauchen.

Was erwarten Sie dabei von der SPD?

Ich erwarte, dass sie die konkreten Forderungen, die im Raum stehen, aufgreift und in die Politik einspeist. Ich bin ja mit der festen Überzeugung in die SPD eingetreten, dass sie sich für die Menschen in der Pflege einsetzt. Deshalb bin ich auch etwas enttäuscht, dass da bisher so wenig gekommen ist. Neben den Fachpolitikerinnen und Fachpolitikern sehe ich auch die Parteiführung in der Pflicht. 2020 ist das Jahr der Pflegenden und der Hebammen. Wann wenn nicht jetzt sollten wir anfangen, die Bedingungen für sie zu verbessern?

Autor*in
Kai Doering
Kai Doering

ist stellvertretender Chefredakteur des vorwärts. Er betreut den Bereich Parteileben und twittert unter @kai_doering.

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