Inland

65 Jahre Anwerbeabkommen: Darum leben viele „Gastarbeiter“ in Altersarmut

29. Oktober 2026 09:00:00
In Deutschland bekommen Renter*innen mit türkischer Staatsangehörigkeit weniger Rente als der Durchschnitt. Das zeigt eine neue Studie. Sie nennt mehrere Gründe, warum das Armutsrisiko bei den ehemaligen sogenannten Gastarbeiter*innen höher ist. 
Gastarbeiter in einer Unterkunft

Türkische „Gastarbeiter” im Jahr 1968 in Düsseldorf. Der Begriff ist heute umstritten, weil die türkischen Arbeitskräfte meistens wenig gastlich behandelt wurden. Teils wohnten sie zu Wuchermieten in überbelegten und heruntergekommenen Wohnungen. Manche „Gastarbeiter*innen” kehrten nicht in ihre Heimat zurück, sondern blieben dauerhaft in Deutschland.

Viele Türk*innen, die einst als sogenannte Gastarbeiter*innen nach Deutschland kamen, sind heute von Altersarmut betroffen. Das hat eine Auswertung der Deutschen Rentenversicherung für den Mediendienst Integration ergeben. Rentenempfänger*innen mit türkischer Staatsangehörigkeit erhalten in Deutschland im Schnitt etwa 360 Euro weniger gesetzliche Rente als deutsche Rentenempfänger*innen. Ende 2025 waren es 890 Euro im Vergleich zu 1.250 Euro pro Monat.  

Frauen sind noch stärker betroffen: Sie machen knapp über die Hälfte der türkeistämmigen Rentenempfänger*innen aus, wie die Zahlen zeigen. Ihre Rente liegt laut der Auswertung etwa ein Drittel unter der von deutschen Rentenempfängerinnen – 687 Euro im Vergleich zu 1.046 Euro. Gründe dafür sehen Expert*innen darin, dass ihnen häufig eine Ausbildung fehlte und sie häufiger zu Hause blieben.  

Niedrige Renten: „Gastarbeiter*innen” leben häufiger von Grundsicherung

Insgesamt bekommen rund 351.000 Menschen mit türkischer Staatsangehörigkeit eine Alters- oder Erwerbsminderungsrente in Deutschland. Darunter sind ehemalige „Gastarbeiter*innen”, aber auch Personen enthalten, die später nach Deutschland kamen oder hier geboren wurden. An weitere 127.000 Menschen zahlt die Rentenversicherung außerdem Hinterbliebenenrenten.  

Laut dem Mikrozensus 2025 sind Rentner*innen aus Gastarbeiterstaaten zu 31,5 Prozent armutsgefährdet. Bei Rentner*innen ohne Migrationshintergrund trifft das nur auf 17 Prozent zu. Der Anteil von Personen mit türkischer Staatsangehörigkeit, die im Alter nur eine Grundsicherung erhalten, ist mehr als dreimal so hoch wie bei Deutschen (9,3 zu 2,7 Prozent, Zahlen für Juni 2026).  

Warum „Gastarbeiter*innen” benachteiligt sind

Die sogenannten Gastarbeiter*innen waren maßgeblich beteiligt am Wirtschaftsboom in Deutschland. Die Männer haben häufig in der Industrie oder in Bergwerken schwer gearbeitet. Dabei seien sie häufig geringer qualifiziert und schlechter bezahlt als deutsche Kollegen gewesen, heißt es in der Auswertung. Zunächst hätten viele die niedrigeren Löhne noch durch Überstunden und Zulagen für Schwerstarbeit kompensiert. Weil es an Sprachkursen oder Weiterbildungsmöglichkeiten fehlte, blieb vielen der berufliche Aufstieg verwehrt.  

Zudem hätten sie weniger Erwerbsjahre für Rentenansprüche sammeln können, auch weil manche schon älter waren, als sie nach Deutschland kamen, so ein Ergebnis der Auswertung. Ein weiterer Grund: Als die Ölkrise in den 1970er Jahren die Wirtschaft ausbremste, hätten türkeistämmige Arbeiter*innen häufig als erste ihre Jobs verloren. Auch später seien sie häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen gewesen als ihre deutschen Kolleg*innen.

Laut einer Studie aus dem Jahr 2022 spielten auch Diskriminierungserfahrungen bei der Arbeitsplatzsuche eine Rolle dabei, warum ältere Migrant*innen aus der Gastarbeitergeneration heute finanziell benachteiligt sind.  

Anwerbeabkommen mit Türkei jährt sich zum 65. Mal

Im Jahr 1961 hat die Bundesrepublik mit der Türkei ein Anwerbeabkommen abgeschlossen, um Menschen für den deutschen Arbeitsmarkt zu gewinnen. Es jährt sich am 30. Oktober zum 65. Mal. Auch mit anderen Staaten hat die Bundesrepublik seit 1955 Abkommen geschlossen, weil hierzulande dringend Arbeitskräfte benötigt wurden – darunter Italien, Griechenland, Spanien und Portugal.

1973 wurde ein Anwerbestopp verfügt. Bis dahin waren allein aus der Türkei 867.000 Menschen in die Bundesrepublik gekommen. Damals wurden sie „Gastarbeiter“ genannt – ein heute umstrittener Begriff. Ein Teil von ihnen blieb dauerhaft im Land. Anfang 2025 lebten rund drei Millionen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland. 

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Autor*in
Karin Billanitsch
Karin Billanitsch

Karin Billanitsch hat Rechtswissenschaften und Journalistik in München und Stuttgart studiert und ist Redakteurin beim „vorwärts“.

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