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100 Jahre ILO: Für eine gerechte Digitalisierung der Arbeitswelt

Vor 100 Jahren wurde die Internationale Arbeitsorganisation zum Schutz von Arbeitnehmerrechten gegründet. Heute steht die ILO vor den Herausforderungen der Digitalisierung. Dass diese auch Chancen bietet, machte ILO-Generalsekretär Guy Ryder Dienstag in Berlin deutlich.
von Kai Doering · 12. März 2019
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Antonia Albert weiß, wie die Digitalisierung das Leben der Menschen verändern kann. Als ihre Großmutter pflegebedürftig wurde, war es für sie und ihre Familie schwierig, eine geeignete Unterstützung zu finden. Um anderen Menschen diese Situation zu ersparen, gründeten Albert und ihr Bruder Nikolaus 2015 den Betreuungs- und Begleitdienst „Careship“. Auf einer Internetplattform können sich Menschen Pfleger oder Menschen zur Begleitung im Alltag oder auf Reisen buchen. Careship ist damit ein Teil der sogenannten Plattformökonomie, die wegen einiger schwarzer Schafe keinen sonderlich guten Ruf bei Arbeitnehmervertretern hat.

ILO: Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Staaten auf Augenhöhe

„Die Plattformökonomie bietet eine Riesenchance“, sagt hingegen Antonia Albert. „Wir sollten sie nicht zu negativ belegen.“ So sei rund die Hälfte der Alltagshelfer, die sich bei Careship registriert hätten, Rentner – „eine Zielgruppe, die wir von uns aus nie angesprochen hätten“, erzählt Albert am Dienstag im Berliner „ewerk“. Bundesarbeitsministerium, Internationale Arbeitsorganisation (ILO), der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) haben zu einem Festakt zum 100. Gründungsjubiläum der ILO eingeladen.

Am 11. April 1919 nahm sie auf der Friedenskonferenz von Versailles nach Ende des Ersten Weltkriegs ihre Arbeit auf und hat heute 187 Mitgliedsstaaten. „Mit dem Versailler Vertrag wurden humane Arbeitsbedingungen Teil internationaler Verträge“, betont Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede. „Die Verzahnung unterschiedlicher Interessen macht die Stärke der ILO aus.“ So würden Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Staaten auf Augenhöhe miteinander verhandeln. Das sogenannte Internationale Arbeitsgesetzbuch umfasst heute 188 Übereinkommen und knapp 200 Empfehlungen.

Die Digitalisierung verändert die Erwerbsarbeit

„Ein fairer Handel ist ohne Arbeitsnormen nicht denkbar“, betont Steinmeier und lobt die jüngsten Abkommen der EU mit Kanada und Japan, in denen starke Arbeitnehmerrechte verankert worden seien. Deshalb sei es „paradox“, dass „einige gerade jetzt versuchen, dieses System internationaler Abkommen zu zerstören“. Wer nur das eigene Land an erste Stelle setze, schade letztendlich allen. „Gemeinsames Handeln widerspricht nicht nationaler Souveränität, sondern ergänzt sie und kann sie sogar verstärken“, ist Steinmeier überzeugt. Auch die Digitalisierung als „der bedeutendste Strukturwandel seit 150 Jahren“ brauche klare Regeln.

Für die sieht sich Hubertus Heil zuständig. „Die Erwerbsarbeit wird uns in der Digitalisierung nicht ausgehen, aber sie wird anders sein“, weiß der Bundesarbeitsminister. Die Folge sei schon jetzt sichtbar: „Das Sozial- und Arbeitsrecht funktioniert in vielen Bereichen nicht mehr.“ Eine von vielen Antworten darauf sei das sogenannte Teilhabechancengesetz, das Langzeitarbeitslosen eine Weiterbildung für eine neue Arbeit ermöglichen soll.

Unterstützung bekommt der Arbeitsminister von ILO-Generalsekretär Guy Ryder. „Die Digitalisierung zerstört viele Jobs und kreiert viele neue“, sagt Ryder am Dienstag im „ewerk“. Antonia Albert und ihre Careship-Plattform zeigten das. Die Aufgabe der Arbeitsorganisation sieht Ryder darin, Arbeitnehmer dabei zu unterstützen, dass sie diesen Wandel gut meistern. „Die Zukunft der Arbeit ist nicht vorbestimmt“, sagt Ryder, „sondern das, was wir daraus machen“.

Autor*in
Kai Doering
Kai Doering

ist stellvertretender Chefredakteur des vorwärts. Er betreut den Bereich Parteileben und twittert unter @kai_doering.

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