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Am 17. Februar 1962 steht Hamburg plötzlich unter Wasser. Als Krisenmanager bewährt sich Hamburgs Polizeisenator. Sein Name: Helmut Schmidt.

Als die Sturmflut in der Nacht zum 17. Februar 1962 Hamburg erreicht, überrascht sie die meisten Bewohner im Schlaf. Niemand hat damit gerechnet, dass die angekündigte Flutwelle für die umliegenden Deichanlagen zum Problem werden könnte. Doch als die Welle kommt, ist sie mit 5,70 Metern fast doppelt so hoch wie erwartet. Deiche werden weggespült wie Sandburgen. Um drei Uhr morgens stehen 20 Prozent des Hamburger Stadtgebietes unter Wasser. Die Naturkatastrophe kostet 315 Menschen das Leben.

Viel zu spät reagieren die Hamburger Behörden. In der Nacht starten Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste hektisch erste Hilfseinsätze, doch niemand koordiniert sie. Zu allem Überfluss hat das Wasser auch noch mehrere Telefonleitungen lahm gelegt, so dass die Einsatzzentralen keine Lageberichte mehr erhalten.

Kälte, kein Essen, kein Trinkwasser

In den Morgenstunden des 17. Februar kommt der Hamburger Polizeisenator aus Berlin geeilt, der damals 43-jährige Helmut Schmidt. Vom Helikopter aus verschafft er sich einen Überblick über die Lage. Was er sieht, lässt Schlimmes befürchten: Viele Menschen haben sich, teils noch in Schlafanzügen, auf Hausdächer und Anhöhen gerettet. Dort harren sie in eisiger Kälte aus, ohne Essen, ohne Trinkwasser. Die Versorgung mit Strom und Gas ist unterbrochen. Im Wasser schwimmen Tierkadaver, die eine Seuche befürchten lassen. „Ich dachte, das kann uns bis zu 10 000 Tote kosten“, schildert Schmidt später seine Eindrücke.

Schmidt übernimmt das Kommando über alle Rettungskräfte und gründet einen Krisenstab, um Rettungsaktionen und Hilfsmaßnahmen zu koordinieren. Er zieht alle Register: Zwei Generäle, die er persönlich kennt, ruft er an und fordert Hilfe durch die Bundeswehr an. Ein klarer Rechtsverstoß, denn der Einsatz der Bundeswehr im Inneren ist laut Grundgesetz verboten. „Ich habe mich um die Gesetze nicht gekümmert“, verrät Schmidt Jahre später.

Mit den Sturmbooten und Hubschraubern der Bundeswehr gelingt es den Einsatzkräften, Hunderte Menschen vor Wasser und Kälte zu retten. Den Gesetzesbruch nimmt dem Polizeisenator daher kaum jemand übel. Im Gegenteil: Fortan gilt er als erfolgreicher Krisenmanager.

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Carl-Friedrich Höck

arbeitet als Redakteur für die DEMO – die sozialdemokratische Fachzeitschrift für Kommunalpolitik.

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