Debatte

Mützenich: Für Ignoranz und Ausgrenzung ist Russland zu groß und zu mächtig

Der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Rolf Mützenich, antwortet in der vorwärts-Debatte auf Heinrich August Winkler: Es wäre unverantwortlich, keine neuen Angebote an Moskau für Abrüstung und Zusammenarbeit zu machen. Eine neue Entspannungspolitik sei heute wichtiger denn je.

von Rolf Mützenich · 19. Dezember 2016
Wily Brandt und Egon Bahr 1970 in Moskau: Diejenigen, die damals die Entspannungspolitik entwarfen, mussten die Rahmenbedingungen aus Moskau mitdenken.

Wily Brandt und Egon Bahr 1970 in Moskau: Diejenigen, die damals die Entspannungspolitik entwarfen, mussten die Rahmenbedingungen aus Moskau mitdenken.

Heinrich-August Winkler hat aus guten Gründen der Linken und Teilen der Sozialdemokratie ein paar Wahrheiten und Prinzipien der Russland-Politik in Erinnerung gebracht, die bei vielen Putin-Apologeten ausgeblendet werden. Deshalb muss man Heinrich August Winkler ausdrücklich zustimmen: Die durch Gewalt und Missachtung aller Regeln erzwungene Einverleibung der Krim verletzt die Charta von Paris, das Budapester Memorandum und die Grundlagen einer zivilisierten und gerechten Politik. Die Annexion kann weder durch die Erweiterungen von NATO und EU noch durch den Kosovokrieg oder die Intervention in Libyen relativiert werden.

Selbst wenn dies in Moskau anders gedeutet wird,  ist das keine Rechtfertigung für die völkerrechtswidrige Einverleibung der Halbinsel am Schwarzen Meer. Und Heinrich August Winkler hat auch Recht, wenn er die heute anzutreffende Sehnsucht nach den guten alten Zeiten der Entspannungspolitik in den historischen Kontext einer wahrlich nicht gewaltfreien Blockkonfrontation stellt und vor nostalgisch verklärten Illusionen warnt.

Russlands Erwartungen mitdenken

Dennoch möchte ich die Frage aufwerfen, ob der entscheidende Unterschied – und damit die Voraussetzung für eine neue Entspannungspolitik – zwischen Breschnew und Putin tatsächlich darin bestehen soll, dass der eine die Nachkriegsgrenzen anerkannt wissen wollte, während der andere eine Revision der heutigen Grenzen beabsichtigt bzw. im Falle der Krim bereits vorgenommen hat. Denn ganz so eindeutig ist der Befund nicht. Es stimmt, dass die KPdSU vor allem an der Aufrechterhaltung ihres wirtschaftlichen und politischen Gestaltungsmonopols, militärischer Abschreckung und Einschüchterung ihrer Vasallenstaaten interessiert war.

Grenzen und Souveränität waren hierbei weniger relevant, zumal sich die Dekolonisation außerhalb ihres Einflussbereichs vollzog. Alle Anstrengungen des Warschauer Paktes waren auf Autarkie und Sicherheit ausgerichtet, die – wie die Jahre 1956 in Ungarn, 1968 in der Tschechoslowakei und 1981 in Polen eindrücklich zeigten – nur in einem innenpolitischen Klima von Freiheitsberaubung und Bedrohung hergestellt und aufrechterhalten werden konnten. Diejenigen, die damals die Entspannungspolitik und das Konzept der gemeinsamen Sicherheit als Leitprinzipien ihrer Außenpolitik entwarfen und formten, mussten diese Erwartungen und Rahmenbedingungen aus Moskau mitdenken.

Nichts Anderes tun heute diejenigen, die eine Entspannung in Zeiten neuer Spannungen versuchen. Die Voraussetzungen und Vorgehensweisen sind derzeit tatsächlich andere und wir haben gelernt, nicht über die Köpfe unsere Nachbarländer hinweg unheilvolle Abmachungen zu treffen. Deutsche Außenpolitik sucht vielmehr die Abstimmung und die Gemeinsamkeit mit unseren Partnern, aber im Kern unterscheiden wir uns darin wenig von den sechziger und siebziger Jahren, in denen eben nicht nur der Moskauer Vertrag, sondern auch der Warschauer Vertrag, das Vier-Mächte-Abkommen, der Grundlagenvertrag und der Prager Vertrag das Tableau der Ostverträge vervollständigten.  

Mehr Interesse für Entspannung nötig

Der Unterschied zu heute besteht vielmehr darin, dass nur wenige Akteure in den ost- und mitteleuropäischen Ländern bereit sind, neben sicherheitspolitischen Initiativen auch Bemühungen zugunsten von Dialog und Entspannung mitzutragen. Willy Brandt, Egon Bahr und Helmut Schmidt hatten damals gewichtige Verbündete in Europa und stießen auf Wohlwollen, oder zumindest Desinteresse in Washington.

Heinrich August Winkler weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass einige Sozialdemokraten in der zweiten Phase der Entspannungspolitik in den aufkeimenden Demokratiebewegungen Osteuropas „Störenfriede“ sahen. Dies anzuerkennen und mitzudenken kann allerdings im Umkehrschluss nun nicht bedeuten, Entspannungsschritte in der jetzigen hochexplosiven Situation  zu unterlassen – ganz im Gegenteil – eine neue Entspannungspolitik wäre heute wichtiger denn je, auch wenn dazu – hier gebe ich Winkler ausdrücklich Recht – immer auch zwei gehören. 

Ich denke dennoch es wäre leichtsinnig und unverantwortlich keine Angebote an die russische Seite zugunsten von Rüstungskontrolle, Truppenentflechtungen, Modernisierungspartnerschaften und gemeinsamen Institutionen zu machen, zumal sich Deutschland parallel dazu auch im Rahmen der NATO an militärischen Rückversicherungen beteiligt. Das ist keine Anbiederung an Putin, sondern im Gegenteil eine souveräne und wohlüberlegte Politik zugunsten von soliden Beziehungen.

Mit Trump zurück zu Einflusszonen?

Es stimmt: Russland unter Putin und seinen Getreuen kann derzeit kein Partner sein. Es schafft Unfrieden und begeht Regelverstöße, aber für Ignoranz und Ausgrenzung ist das Land zu groß und zu mächtig und die Entwicklung der russischen Gesellschaft kann uns nicht gleichgültig sein.

Sorgen müssen wir uns aber auch über Andeutungen des künftigen US-Präsidenten Trump machen, wonach Einflusszonen das beste Mittel für Stabilität und Sicherheit seien. Das ist deutlich mehr als eine nur zu begrüßende atmosphärische Verbesserung zwischen den beiden Regierungen. Wenn es jedoch eine grundlegende Lehre aus der Zeit der alten Entspannungspolitik gibt, dann die, dass Dialog, Gleichberechtigung, friedliche Streitbeilegung, Berechenbarkeit und Gerechtigkeit die Voraussetzungen für Frieden sind. Mit gutem Gewissen müssen Sozialdemokraten auch unter schwierigsten Bedingungen dafür weiter arbeiten.

Autor*in
Rolf Mützenich
Rolf Mützenich

ist Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion.

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