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Debatte

Hijabfashion: Zwischen Make-up und Glaubensbekenntnis

Kopftücher können mehr, als nur religiöse Symbole zu sein – einfach gut aussehen, zum Beispiel.
von Sineb El Masrar · 27. August 2015

Der Berlin-Besuch der Queen vor einiger Zeit weckte einmal mehr die Monarchiebegeisterung der Deutschen. Diese rüstige und souveräne Britin ist nicht nur für ihre Pferderennen-Euphorie und ihrer Arbeitsmoral bekannt, sondern neben der verstorbenen Hollywoodikone Grace Kelly wohl die bekannteste lebende Kopftuchträgerin. Und das als Westlerin und Christin! Niemand würde dieser Dame unterstellen, über keinen eigenen Willen und Verstand zu verfügen. Der so kontroverse Stoff auf dem weiblichen Haupt richtet also keinen offensichtlichen Schaden an. Wer es aber als Muslima durchgehend trägt, macht sich verdächtig, dies nicht ganz freiwillig zu tun.

So ist die royale Version der Queen weit weniger suspekt. Wann immer sie ihren Ausflug ins Grüne unternimmt, darf ein unters Kinn gebundenes Kopftuch nicht fehlen. Wenn auch reich verziert, sind die Tücher nicht gerade stylish in Szene gesetzt. Ohne Zweifel wird hier ein Tuch nicht aus religiöser Überzeugung, sondern vielmehr aus praktischen Gründen getragen. Wie auch Grace Kelly, die nach einer Cabriofahrt keine zerzausten Haare wünschte. Im Mittelpunkt steht für diese Frauen also Funktionalität. Damit messen sie selbst dem Stoff seine Bedeutung bei. Vor allem sind es aber Männer, die sich schon immer ungebeten den Kopf über das weibliche Aussehen zerbrochen haben.

Modisch trotz Glauben

Auch wenn das Kopftuch als religiöses Merkmal keine islamische Erfindung ist – sowohl das Judentum als auch das Christentum kennen die Verhüllung des weiblichen Haupts – so finden sich vor allem zahlreiche Muslimas mit der Frage konfrontiert, wie ein vermeintliches Glaubensgebot mit dem persönlichen Bedürfnis nach Mode und Style verbunden werden kann.

Denn dass sie sich trotz ihres Glaubens modisch anziehen wollen, steht für viele Frauen mit Kopftüchern nicht zur Debatte: Die pragmatischen Zeiten, in denen weniger modeinteressierte Mütter in weniger raffinierter Kleidung durch die Straßen wanderten und sich höchstens mit ihren Kopftüchern ein wildes Farb- und Mustererlebnis gönnten, hat sich mit ihrer Nachkommenschaft gewandelt. Heute sind junge Muslimas im Gegensatz zu ihrer Müttergeneration fast in allen gesellschaftlichen Bereichen sichtbar, sei es an Schulen, Universitäten oder auf dem Berufsmarkt.

Inspiration von Kopf bis Fuß

Seit das mobile Internet neue Möglichkeiten der Sichtbarmachung und Selbstdarstellung bietet, werden auch die modischen Erlebnisse von Mode- und Kosmetikbegeisterten auf allen Kanälen mit der Welt des World Wide Web geteilt. Weltweit und auch mitten in Deutschland präsentieren sich muslimische Fashionistas Hijabistas (Hijab (arab.) Verhüllung bzw. Vorhang) selbstbewusst und nicht weniger schrill und egozentrisch als nicht-muslimische Fashionjunkies. Vor allem tuchtragenden Muslimas bieten sie im wahrsten Sinne des Wortes von Kopf bis Fuß Inspiration in Style-Fragen – und sind damit nicht ausschließlich auf ausländische Medien wie das türkische Frauenmagazin Âla oder das Hijabista Magazine aus Indonesien angewiesen, wenn auch die Einflüsse hierzulande genau von dort stammen.

Denn: Muslimische Kopftücher haben keinen Einzug in westliche Frauenmedien gehalten. Kopftücher erscheinen, wenn überhaupt, äußerst kulturalistisch. Im Gegensatz zu vielen Hijabistas in Deutschland, die hiesige Kleidungsstücke der Modehäuser mit den Tüchern von türkischen Herstellern und Hijab-Online-Shops kombinieren – oder einfach bei den vielen H&M-Tüchern zuschlagen. In Deutschland trägt die Mehrheit der Muslimas kein Kopftuch, sodass Modeketten nicht explizit darauf reagieren. Anders im Ausland. Da brachte die spanische Modekette ZARA in muslimischen Ländern kürzlich passend zum Fastenmonat eine Ramadan-Collection heraus, die aus weiten Kleidungsstücken bestand.

Neues Selbstverständnis

Mode und Religion sind nur bedingte Partner. Mode spielt vornehmlich eine rebellische Rolle, will mit den Konventionen brechen, statt sich von religiösen Dogmen vereinnahmen zu lassen. Doch auch die Modebranche ist ein Wirtschaftszweig – und der will vornehmlich die reichen Golfstaaten damit bezirzen, sich für die westliche Kultur und Religion zu interessieren. Das hindert deutsche Hijabistas, beeinflusst von ihrer Herkunft, Religion und ihrer Zugehörigkeit zum Westen, zu Recht nicht daran, ihr neues Selbstverständnis zu zelebrieren. Somit gehören Make-up und Glaubensbekenntnis selbstverständlich zusammen. Was salafistische Muslime gerne als nicht islamkonform abstempeln. Stylische Muslimas mit Kopftuch können nun einmal niemanden zum Fashion-Glück zwingen.

Autor*in
Sineb El Masrar

Die Deutsch-Marokkanerin wurde in Hannover geboren und lebt heute als Herausgeberin, Autorin und Dozentin in Berlin. 2006 gründete sie das erste und einzige multikulturelle Frauenmagazin Gazelle. 2010 erschien ihr Sachbuch „Muslim Girls – Wer wir sind, wie wir leben“, 2016 „Emanzipation im Islam – eine Abrechnung mit ihren Feinden“.

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