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Kultur

Plädoyer fürs Gemeinwohl

von Joris Steg · 28. November 2009
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Dem Leser bietet "Vom Ich zum Wir" ein Novum: Es startet mit einer Warnung: Die folgenden Seiten seien eine Zumutung, in denen der Leser "Gelehriges, Verdichtetes, Anmaßendes, Sperriges, Kulturkritisches und Verzwirbeltes" zu erwarten habe. Dennoch sollte niemand sich davon abhalten lassen, das neue Buch von Christian Schüle, der in München und Wien Philosophie, Soziologie und Politische Wissenschaft studiert hat, zu lesen.

Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft

In den Mittelpunkt seines Essays stellt Schüle ein zentrales Thema der Zukunft: das Verhältnis zwischen Individuum und Gemeinschaft. Ausgangslage seiner kritischen Auseinandersetzung mit der Gesellschaft ist das Scheitern der kulturellen Ordnung der letzten Jahrzehnte. Das Paradigma der Gewinnoptimierung, Profitmaximierung, höchstmöglicher Effizienz und das rücksichtslose Streben nach Erfolg hätten sich als menschenfeindlich erwiesen. Deshalb müsse die leitende Maxime der Gesellschaft etwas Wertvolleres als der kurzfristige Profit sein, nämlich das Gemeinwohl. Schüle plädiert dafür, dass der Wohlstand nicht mehr materiell verstanden wird, sondern als Gemeinwohlstand. Er fordert, dass die Gesellschaft einen virtuellen Vertrag mit sich selbst abschließt, den Gesellschaftsvertrag, um das Verhältnis von Individualwohl und Gemeinwohl zu synchronisieren.

Der für seine Reportagen, Essays und Feuilletons mehrfach ausgezeichnete Schüle unterteilt sein Buch in 70 kurze Abschnitte und drei große Teile. Der erste Teil befasst sich mit dem Aufstieg und Fall des zeitgenössischen Individuums, der zweite behandelt Die neue Sehnsucht nach Rückbindung und der dritte Fragmente eines neuen Gesellschaftsvertrags. Jeder der kurzen darin enthaltenen Abschnitte beginnt mit einer kursiv gedruckten Hypothese. Diese dient als Leitmotiv für den jeweiligen Abschnitt. Der Leser kann also ohne Probleme jeden Teil des Buches oder gar jeden Abschnitt des Buches für sich lesen und der einzelnen Argumentationslogik folgen.

Aufstieg und Fall des zeitgenössischen Individuums

Im ersten Teil des Buches entwirft Schüle die Figur "des freien Individuums in einer fragmentierten Welt, das auf dem Höhepunkt seiner Freiheit unfrei ist". Er beschreibt die aktuelle Gesellschaft als ein Sammelsurium "radikaler Individualisten", die der eigenen Freiheit nicht mehr gewachsenen sind und denen der Sinn für Gemeinschaft abhanden gekommen ist. Schüle interpretiert Gemeinschaft und Gesellschaft als zwei elementar unterschiedliche Dimensionen. Gemeinschaft setze emotionale Bindekräfte zwischen Menschen voraus, sie basiere also auf dem "Gefühl einer gegenseitigen Bejahung". Demzufolge ist für ihn auch die Gemeinschaft die maßgebliche Determinante für die nächste Gesellschaft. Diese kann laut Schüle jedoch nicht durch Abschaffung oder Wechsel des Systems erreicht werden: Der Liberalismus und der kapitalistische Geist bleiben für ihn die wünschenswerteste Ordnung für die Individuen. Was fehlt, ist ein Sinn für Gemeinschaft.

Sehnsucht nach Rückbindung

Im zweiten Teil des Buches fordert Schüle eine neue Grammatik der Vermittlung zwischen Individuum und Gemeinschaft. Jeder müsse ein Gefühl für die Gemeinschaft entwickeln. Dazu brauche die Gesellschaft eine "Wir-Norm", eine eigene soziale Identität. Während sich ältere Generationen mit Begriffen wie Wirtschaftswunder, Wohlstand für alle und friedliche Revolution der Vereinigung identifizierten, fehlt eine solche Wir-Norm derzeit. Also entwirft Schüle eine "Charta des Gemeinwohls", in dessen Zentrum der Begriff Rückbindung steht, als Nukleus der nächsten Gesellschaft. Die geistige Basis dieser Charta soll ein humanistischer Liberalismus sein, der den gesellschaftlichen Herausforderungen im 21. Jahrhunderts entspricht. Das Gemeinwohl steht im Zentrum einer neuen sozialen Ethik. Das Verhältnis von Individualwohl und Gemeinwohl soll ein Gesellschaftsvertrag synchronisieren.

Fragmente eines neuen Gesellschaftsvertrags

Im letzten Teil grenzt sich Christian Schüle von Jean-Jacques Rousseau, dem geistigen Vater des Gesellschaftsvertrags, ab. Den von Rousseau geprägten volonté générale, den eindeutig formulierbaren Gemeinwillen, der sich aus der Summe der Einzelinteressen ergibt, werde es in einer pluralistischen Gesellschaft nicht geben. Stattdessen müsse darauf geachtet werden, dass der Gesellschaftsvertrag der Freiheit des Individuums und dem Gemeinwohl gerecht wird. Die Charta des Gemeinwohls sei Basis des Gesellschaftsvertrags und Fundament der sozialen Ethik. Schüle befasst sich außerdem mit weiteren Elementen der Charta, die von enormer Relevanz sind und die zukünftige Gesellschaft zusammenhalten: Ethik der Führungskräfte, Menschenwürde, bürgerschaftliches Engagement, Integration und Stadtplanung.

Essay mit Denkanstößen

Christian Schüle liefert mit seinem Essay einige interessante Denkanstöße, wie das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft in Zukunft gestaltet werden kann. Ob ihm dabei in jeder seiner Aussagen und Überlegungen zuzustimmen ist, muss der Leser selbst entscheiden. Schüles Argumentationslogik, den Imperativ der Profimaximierung und kurzfristigen Rendite abzulehnen und Wohlstand nicht materiell, sondern als Gemeinwohlstand zu betrachten, lässt sich leicht nachvollziehen. Besonders lesenswert sind die innovativen Passagen zum Gemeinwohlindikator und die Vorschläge zur Integration, Bildung und Stadtplanung. Weniger gelungen sind die Abschnitte über den Kapitalismus, bei denen der Autor "die Erfolgsgeschichte Kapitalismus" mit nicht eindeutigen Zahlen begründet: So bedeutet ein gestiegenes Pro-Kopf-Einkommen nicht zwangsläufig, dass sich Armut und soziale Ungleichheit verringert haben. Auch die Überlegungen zum Neoliberalismus scheinen nicht ganz ausgereift. Nicht nur der Ordoliberalismus, die theoretische Grundlage der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland, sondern auch die Wirtschaftstheoretiker der "Chicago-School" prägten den Begriff Neoliberalismus nachhaltig. Und diese forderten keinesfalls einen starken, sondern lediglich einen Minimalstaat.

Schüle versteht sein Buch als Streitschrift, die Diskussionsmaterial liefern und zum Nachdenken anregen soll. Dies ist ihm auf jeden Fall gelungen.

Joris Steg

Christian Schüle. Vom Ich zum Wir. Was die nächste Gesellschaft zusammenhält, Piper Verlag 2009, 203 Seiten, 16,95 Euro. ISBN: 978-3-493-05337-2

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