Mauerkunst in Gefahr
Kunstwerk in Extralänge, Mahnmal der Teilung und Rummelplatz für Berlin-Besucher: Die East Side Gallery ist ein bisschen von allem. Als weltweit größte dauerhafte Freiluftgalerie und längstes Überbleibsel der Berliner Mauer spart der prominente Standort im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg nicht mit Rekorden. Doch nicht nur die Künstler, die die Sperranlage nach dem Mauerfall mit großformatigen Gemälden verzierten, sehen ihre Wirkungsstätte bedroht. Zunehmend prallen dort – wie überhaupt in weiten Teilen der Stadt – die Interessen von Kreativen, Denkmalschützern, Stadtplanern und Immobilienunternehmen aufeinander.
Als im vergangenen Jahr für ein Neubauprojekt eine Schneise in die East Side Gallery geschlagen wurde, waren aufgebrachte Demonstranten zur Stelle. Auch Popstars wie Roger Waters und David Hasselhoff zeigten sich vor Ort solidarisch. Für die Gegner der Bebauung ist diese der Anfang vom Ende für den 1,3 Kilometer langen Mauerstreifen. Nach dem Motto: Ist das Eis gebrochen, können die Denkmalschützer weitere Lücken kaum aufhalten.
Am Spreeufer steht also einiges auf den Spiel. Davon erzählen die Kreuzberger Filmemacher Karin Kaper und Dirk Szuszies in ihrem Dokumentarfilm „Berlin East Side Gallery“. Im Zentrum steht die Frage: Lässt sich der Geist der Freiheit und Utopie, mit dem sich 118 internationale Künstler ab dem Frühjahr 1990 auf der Mauer verewigten, festhalten? Was bedeutet (künstlerische) Freiheit im Zeichen einer zunehmenden Ökonomisierung vieler Bereiche des Lebens? Dazu befragten sie Maler und Bildhauer, die die denkmalgeschützte Galerie aufgebaut haben.
Gestorbene Illusionen
Eine davon ist Birgit Kinder. Sie schuf das bekannte Gemälde vom Pkw Trabant, der die Sperranlage durchbricht. Auch die Erinnerungen von Kikue Miyatake und dem aus Pinochets Chile geflohenen Maler Cesar Olhagaray zeugen davon, wie der Aufbruchsgeist nach der Wende in der DDR von Desillusionierung abgelöst wurde. Immer wieder geht es aber auch um die Beziehung der Künstler zu ihren Werken im Wandel der Zeiten. Spannend ist der Moment, als Dmitry Wrubel seinem, dem wohl berühmtesten Mauerbildnis wiederbegegnet: dem Bruderkuss zwischen Leonid Breschnew und Erich Honecker.
Einen zermürbenden Langstreckenlauf, das zeigt dieser Film, legte die Künstlerinitiative in den 25 Jahren zurück, um ihr längst zum Touristenmagneten gewordenes Mammut-Opus zu erhalten. Auch Kaper und Szuszies zeigten Ausdauer.Die Sanierung der East Side Gallery vor sechs Jahren nahmen sie zum Anlass, die weitere Entwicklung mit der Kamera zu verfolgen, und zwar für lange Zeit auf eigenes finanzielles Risiko. Und die Zeitachse reicht noch weiter: So sind auch Archivbilder und Interviews zu sehen, die die Filmemacher aufgenommen hatten, als der Raum für Utopien im Nachwende-Berlin unermesslich schien und die Neuerfindung des Mauerstücks gerade ins Rollen gekommen war. Dadurch muss sich auch der Zuschauer der Aufgabe stellen, die Galerie aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Immer wieder wechselt die Perspektive zwischen der Innensicht der Künstler und den verschiedensten, nicht immer überdurchschnittlich kunstsinnigen Besuchergruppen.
Für Kaper und Szuszies ist die East Side Gallery zu einem Schauplatz von Konflikten geworden, der weit über Berlin hinausreicht. „Der Kampf der Künstlerinitiative gegen die Interessen mächtiger Investoren steht beispielhaft für die weit verbreitete verfehlte Stadtentwicklung in den Ballungszentren“, sagen sie. Die politische Debatte, als es sie dazu noch gab, oder ein tiefergehender Bezug des Themas zu Konflikträumen in anderen Metropolen werden allerdings nur am Rande berührt.
Subjektive Welten
Stattdessen bekommen die Selbstauskünfte der Künstler ganz bewusst breiten Raum. Das Duo wählte nach eigenen Angaben eine mosaikartige Erzählweise und die „subjektive Anschauung“, anstatt mit einem „allwissenden Erzähler“ zu arbeiten. Das klingt angesichts des schillernden Sammelsuriums verschiedener ästhetischer Zugänge und subjektiver Welten, für die die East Side Gallery steht, zunächst zutreffend. Doch im Ergebnis bergen die Gesprächspassagen einige Wiederholungen, wodurch das Ganze mitunter etwas langatmig wird – an einigen Stellen wäre weniger mehr oder eine sorgfältigere Dramaturgie wünschenswert gewesen.
Dennoch dürfte die Dokumentation derzeit das erschöpfendste filmische Werk zu diesem symbolisch höchst aufgeladenen Ort sein. Unübersehbar und doch subtil prägt der Einsatz der Filmemacher für die Mauerkünstler ihr Langzeit-Projekt. Ein leiser Appell, etwas über Jahre Gewordenes nicht kurzfristrigen Interessen zu opfern.
Info: Berlin East Side Gallery (Deutschland 2015), ein Film von Karin Kaper und Dirk Szuszies, 120 Minuten. Ab sofort im Kino