150. Geburtstag: Wie der „Vorwärts“ zum Massenblatt wurde
AdsD in der FES / Collage: Vorwärts
Eine der bedeutendsten Parteizeitungen in der Weimarer Republik: Der Vorwärts bestimmte als Massenblatt die öffentliche Meinung mit.
„Die Presse sei das wichtigste Kampfmittel der Partei“, postulierte Wilhelm Liebknecht auf dem Gothaer Vereinigungskongress 1875, auf dem sich die Sozialdemokratische Deutsche Arbeiterpartei (SDAP) und der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands zusammenschlossen. Das war eine Überzeugung, die die Anhänger beider Lager teilten. So stützten sich bereits SDAP und ADAV auf ihre eigenen Zentralorgane „Der Volksstaat“ und „Neuer Social-Demokrat“, die nach der Vereinigung der Organisationen noch ein Jahr lang parallel weiter erschienen.
Ab dem 1. Oktober 1876 erschien an ihrer Stelle dreimal wöchentlich in Leipzig der Vorwärts als vereinigtes „Central-Organ der Socialdemokratie“, wie es im Untertitel hieß. Die Chefredaktion war paritätisch mit dem ‚Eisenacher‘ Wilhelm Liebknecht und dem ‚Lassalleaner‘ Wilhelm Hasenclever besetzt.
Der „Vorwärts“ als einer Gründungswelle sozialdemokratischer Zeitungen
Publizistisch lagen die Wurzeln des „Vorwärts“ in der demokratischen Bewegung des Vormärz, als sich in Deutschland erstmals eine politische Presse herausbildete. Ab 1830 gründeten sich verstärkt Meinungsblätter mit liberaler, frühsozialistischer, katholischer oder konservativer Tendenz, die auf Grund anhaltender Repression meist nur kurz bestanden.
Die Etablierung des Vorwärts war Teil einer Gründungswelle sozialdemokratischer Zeitungen in den 1870er-Jahren, als neben dem Zentralorgan eine Reihe neuer lokaler Parteizeitungen entstand. Die Auflage des „Vorwärts“ wuchs im ersten Erscheinungsjahr auf 12.000 Exemplare.
Zwei Journalisten als erste Chefredakteure
Wilhelm Liebknecht und Wilhelm Hasenclever, die ersten und gleichberechtigten Chefredakteure des „Vorwärts“, waren beide von Beruf Journalist. Das war ungewöhnlich für die sozialdemokratische Presse, deren Redakteure in der ersten Phase bis 1878 vor allem Handwerker und Fabrikarbeiter waren. Das monatliche Gehalt der beiden Chefredakteure von 195 Mark übertraf zwar ein durchschnittliches Arbeitereinkommen, lag aber weit unter dem Verdienst bürgerlicher Journalisten.
Liebknecht wie Hasenclever hatten ihre journalistische Laufbahn bei demokratischen Organen begonnen. Liebknecht schrieb bereits in den 1840er-Jahren für Titel wie die „Mannheimer Abendzeitung“. Später war er Mitarbeiter der „Allgemeinen Zeitung“ und der „Frankfurter Zeitung“, den liberalen Leitmedien der Zeit, und gehörte zur Redaktion des „Social-Demokrat“. 1868 begann sein Aufstieg zum ersten Journalisten der sozialistischen Arbeiterbewegung. Er wurde Chefredakteur des „Demokratischen Wochenblatts“, aus dem der „Volksstaat“ hervorging. Hasenclever schrieb Anfang der 1860er-Jahre für die demokratische „Westfälische Volkszeitung“. Nach seinem Eintritt in den ADAV 1864 war er Mitarbeiter der Parteiorgane „Social-Demokrat“ und „Agitator“, bevor er Chefredakteur des „Neuen Social-Demokrat“ wurde.
Das „Heer der feindlichen Presse“ als politischer Gegner
Die Konkurrenz des „Vorwärts“ war zunächst die Presse der politischen Gegner: Blätter, die – anders als bei der Sozialdemokratie – zwar meist nicht unmittelbar an eine Partei gebunden waren, aber einer klaren Tendenz folgten. Von dieser bürgerlichen Presse sah sich die Sozialdemokratie bekämpft. Ferdinand Lassalle hatte dieses Gefühl 1864 in einer scharfen Abrechnung mit der liberalen Presse zum Ausdruck gebracht, die als weitverbreitete Broschüre „Die Feste, die Presse und der Frankfurter Abgeordnetentag“ über die kommenden Jahrzehnte in der Arbeiterbewegung nachwirkte. Ganz in diesem Geist fuhr auch Liebknecht auf dem Parteikongress 1875 fort: „Unser gefährlichster Feind ist nicht das stehende Heer der Soldaten, sondern das stehende Heer der feindlichen Presse.“
Ein mindestens ebenso gefährlicher Gegner für die Sozialdemokratie und ihre Presse war allerdings der autoritäre Staat des Kaiserreichs. Mit dem Sozialistengesetz verbot Reichskanzler Otto von Bismarck 1878 den „Vorwärts“ und nahezu alle weiteren sozialdemokratischen Parteiorgane. Ab dem 28. September 1879 erschien an Stelle des „Vorwärts“ erst im Züricher Exil und dann in London „Der Sozialdemokrat“ unter Leitung Georg von Vollmars, später Eduard Bernsteins.
1891: Der Vorwärts wird wieder Zentralorgan
Nach Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 folgte eine zweite Gründungswelle an Zeitungen der nun als SPD betitelten Partei. Ab 1. Januar 1891 erschien der „Vorwärts“ wieder als Zentralorgan, jetzt täglich und am neuen Standort Berlin. Die Doppelfunktion als Zentral- und Lokalorgan führte in den Folgejahren zu Spannungen zwischen der Parteiführung und den innerparteilich linksstehenden Berlinern. Der alleinige Chefredakteur war bis zu seinem Tod 1900 Wilhelm Liebknecht.
Der „Vorwärts“ war eine der wichtigsten Parteizeitungen, seine Auflage wuchs bis zum Ende des Jahrhunderts von 25.000 auf 53.000 Exemplare und bis 1913 sogar auf knapp 160.000. Allerdings war seine Wirkung weitgehend auf die eigene Anhängerschaft beschränkt. Parteiunabhängige politische Leitmedien der Zeit, insbesondere liberale Zeitungen, oder Massenblätter wie der „Berliner Lokalanzeiger“ und die „Berliner Illustrierte Zeitung“ fanden hingegen über Milieu- und Parteigrenzen hinweg Verbreitung.
Innerparteiliche Konflikte – ausgetragen im „Vorwärts“
Neben der publizistischen Konkurrenz beschäftigten den „Vorwärts“ im frühen 20. Jahrhundert vermehrt innerparteiliche Auseinandersetzungen. Wie die Partei war auch die Redaktion des Zentralorgans in Fragen der strategischen Ausrichtung der Sozialdemokratie gespalten. Im sogenannten Vorwärts-Konflikt griffen Parteivorstand und Presskommission 1905 mit der Entlassung der Redaktion noch zugunsten einer revolutionären Tendenz ein, was den zugrundeliegenden Konflikt aber nicht auflöste.
Im Ersten Weltkrieg stellte sich die Vorwärts-Redaktion gegen die Unterstützung der Burgfriedenspolitik der sozialdemokratischen Parteiführung und der Mehrheit der Reichstagsfraktion. Nach zeitweisen Verboten durch die Militärzensur setzte der Parteivorstand die Redaktion 1916 ab. Friedrich Stampfer folgte auf Heinrich Ströbel als Chefredakteur.
Die Spaltung der Partei zog sich auch durch die Presse. Ströbel wechselte zur Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD). Weitere Redakteure verließen die Partei und schlossen sich teils der USPD oder der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) an, die mit der „Freiheit“ und der „Roten Fahne“ eigene Zentralorgane gründeten. Nachdem die USPD zu Beginn der 1920er-Jahre zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus aufgerieben wurde, ging auch ihre Zeitung „Freiheit“ wieder im „Vorwärts“ auf.
Massenblatt in der Weimarer Republik
In der Weimarer Republik war der „Vorwärts“ ein Massenblatt mit Morgen- und Abendausgabe und Auflagen von bis zu 300.000 Exemplaren. In publizistischer Hinsicht war für das SPD-Zentralorgan die parteiunabhängige kommunistische Presse eine schärfere Konkurrenz als offizielle Parteiblätter wie die „Rote Fahne“. Mit reich bebilderten und sensationell aufgemachten Titeln wie „Welt am Abend“ und „Arbeiter-Illustrierte-Zeitung“ bot der kommunistische Verleger Willi Münzenberg der proletarischen Leserschaft eine Alternative auch zu den bürgerlichen Massenblättern.
Mit den Wahlerfolgen der NSDAP widmete sich der „Vorwärts“ zunehmend dem publizistischen Abwehrkampf gegen den Faschismus. Schon vor der Machtübertragung auf Hitler wurde das Parteiorgan bereits unter dem autoritären Präsidialkabinett Franz von Papens zeitweise verboten und das Verlagsgebäude und seine Mitarbeiter wurden Ziele brutaler Angriffe der SA. 1933 verbot das NS-Regime den „Vorwärts“ wie die gesamte sozialdemokratische und kommunistische Presse. Parteivermögen einschließlich Zeitungen wurden beschlagnahmt, Politiker und Redakteure wurden Opfer von Verfolgung und Terror. Ab dem 18. Juni 1933 erschien der „Neue Vorwärts“ im Exil.
Verdrängt von Hörfunk und Fernsehen
Unter den Bedingungen einer pluralen Medienlandschaft hatten Parteiorgane wie der „Vorwärts“ zu einer Vielfalt an Deutungen des politischen Geschehens und der Repräsentation der Interessen von Arbeitern in der bürgerlichen Öffentlichkeit beigetragen. Das NS-Regime pervertierte das Prinzip der Parteipresse mit gleichgeschalteten Organen zur antisemitischen und faschistischen Propaganda. An seine Bedeutung bis 1933 konnte der „Vorwärts“ wie die gesamte Parteipresse nach 1945 auf einem konzentrierten Pressemarkt und in Konkurrenz zu den neuen Massenmedien Hörfunk und Fernsehen nicht mehr anknüpfen.
Zum Weiterlesen
Koszyk, Kurt: Deutsche Presse im 19. Jahrhundert, Berlin 1966.
Löblich, Maria und Venema, Niklas: Die SPD, die Meinungsfreiheit und die Konsequenzen der Massenpresse im Kaiserreich. Publizistik, 65(2), 2020, S. 209-231.
Schueler, Hermann: Trotz alledem: Der Vorwärts – Chronist des anderen Deutschland. Berlin.
Stöber, Rudolf: Deutsche Pressegeschichte: Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Köln 2025.
ist Juniorprofessor für Kommunikations- und Medienwandel an der Universität Leipzig.